Imaginal Fiction als Genre
– in einer Nussschale

Imaginal Fiction kann als Genre gelten, wenn sie wiederkehrende formale, thematische und funktionale Merkmale liefert.

Formale Merkmale

  • Ikonische Sprache: Der Text als Figur/Person.

  • Bedeutungsräume statt Auflösung: Szenen öffnen, statt festzulegen.

  • Nichtlineare Zeit: geschichtet, spiralförmig, kairotisch-resonant.

  • Schwellen und Resonanzen statt klassischer Plot-Dramaturgie.

  • Oszillierende Perspektiven: Wechsel der Nähe- und Distanzverhältnisse, Knotenpunkte im selben Gewebe.

Thematische Ausrichtung

  • Beziehung statt isolierte Identität – Verflechtung statt Verdichtung

  • Welt als antwortfähiges, dialogisches Feld – nicht als Kulisse oder etwas zu Kontrollierendes

  • Bedeutung als Geschehen, nicht als Aussage – Nicht das klassische »Show, don’t tell«, sondern: Zeige, weil die Bedeutung für eine Aussage zu komplex und zu vielperspektivisch ist.

  • Gegenwart als Wirkort (topos) von Erinnerung und Zukunft – Geschichte ist gegenwärtig und wirksam, nicht nur als prägendes Einzelereignis, sondern als Gesamtes – auch das Unbekannte, Vergessene. Die Zukunft wirkt in die Gegenwart hinein.

  • Das Unverfügbare ist anwesend, ohne benannt oder erklärt zu werden. Es wird aber auch nicht mystifiziert.

Funktionale Merkmale

Die Funktion von Imaginal Fiction ist, Wirklichkeit so zu verdichten, dass sie als dynamisch, bedeutsam, dialogisch und ko-kreierend erfahrbar wird.

Lese-Erwartung

  • verlangsamtes, aufmerksames Lesen

  • Beteiligung an der Bedeutungsbildung

  • Offenheit für Schwebe und Resonanz

  • Weltkontakt statt Flucht aus der Welt

Die sechs Kernmerkmale

  1. Ikonische Textgestalt: Der Text stellt dar, was er erzählt.

  2. Nicht-Funktionalisierung: Figuren und Orte sind verwobene Wirklichkeiten, keine Mittel.

  3. Nichtlineare Zeit: Spirale, Schichtung, Resonanz statt lineare Plotlogik.

  4. Oszillierende Erzählperspektive: Die Perspektiven sind fluid, da sie Verdichtungen im Ganzen sind.

  5. Thisness (Diesheit): Präzision im Einzigartigen – dieser Moment, dieser Ort. Hier liegt die Bedeutsamkeit, nicht in einer übergeordneten Wahrheit, einem Prinzip oder Symbol.

  6. Sprache als Person – Sprache kann ihre eigenen Konflikte und Entwicklung haben und ihre Wandlung durchlaufen.

In einem Satz

Imaginal Fiction ist, wenn die Welt sich erzählt.

Umgebung

Imaginal Fiction steht in der Nähe philosophischer Belletristik und literarischer Gegenwartsliteratur (wo Wahrnehmung und Weltbezug wichtiger sind als Plot), berührt stellenweise Visionary Fiction (ohne Botschaftsprogramm), nutzt gelegentlich eine mythische Tiefenstruktur (ohne Allegorie) und kann im Buchhandel je nach Text am ehesten neben Literary Fiction / Speculative Literary einsortiert werden.

Da Imaginal Fiction auch den Weg zur »erzählenden Welt« aufzeigen kann, kann sie situativ auch Merkmale anderer Genres enthalten.

Lesemotive

Eintauchen, auseinandersetzen