Imaginal Fiction als Genre
Imaginal Fiction kann als Genre gelten, wenn sie wiederkehrende formale, thematische und funktionale Merkmale liefert.
Formale Merkmale
Ikonische Sprache: Der Text als Figur/Person.
Bedeutungsräume statt Auflösung: Szenen öffnen, statt festzulegen.
Nichtlineare Zeit: geschichtet, spiralförmig, kairotisch-resonant.
Schwellen und Resonanzen statt klassischer Plot-Dramaturgie.
Oszillierende Perspektiven: Wechsel der Nähe- und Distanzverhältnisse, Knotenpunkte im selben Gewebe.
Thematische Ausrichtung
Beziehung statt isolierte Identität – Verflechtung statt Verdichtung
Welt als antwortfähiges, dialogisches Feld – nicht als Kulisse oder etwas zu Kontrollierendes
Bedeutung als Geschehen, nicht als Aussage – weil sie für eine Aussage zu komplex ist
Gegenwart als Wirkort (topos) von Erinnerung und Zukunft – Geschichte ist gegenwärtig und wirksam, nicht nur als prägendes Einzelereignis, sondern als Gesamtes – auch das Unbekannte, Vergessene
Das Unverfügbare ist anwesend, ohne benannt oder erklärt zu werden
Funktionale Merkmale
Imaginal Fiction will nicht erklären, überzeugen, belehren oder symbolisch codieren. Ihre Funktion ist, Wirklichkeit so zu verdichten, dass sie als dynamisch, bedeutsam, dialogisch und ko-kreierend erfahrbar wird.
Lese-Erwartung
verlangsamtes, aufmerksames Lesen,
Beteiligung an der Bedeutungsbildung,
Offenheit für Schwebe und Resonanz,
Weltkontakt statt Flucht aus der Welt.
Die sechs Kernmerkmale
Ikonische Textgestalt: Der Text stellt dar, was er erzählt.
Nicht-Funktionalisierung: Figuren und Orte sind verwobene Wirklichkeiten, keine Mittel.
Nichtlineare Zeit: Spirale, Schichtung, Resonanz statt lineare Plotlogik.
Oszillierende Erzählperspektive: Die Perspektivensind fluid, da sie Verdichtungen im Ganzen sind.
Thisness (Diesheit): Präzision im Einzigartigen – dieser Moment, dieser Ort. Hier liegt die Bedeutsamkeit, nicht in einer übergeordneten Wahrheit, einem Prinzip oder Symbol.
Sprache als Figur – Sprache kann ihre eigenen Konflikte und Entwicklung haben und ihre Wandlung durchlaufen.
In einem Satz
Imaginal Fiction ist, wenn die Welt sich erzählt.
Umgebung
Imaginal Fiction steht in der Nähe philosophischer Belletristik und literarischer Gegenwartsliteratur (wo Wahrnehmung und Weltbezug wichtiger sind als Plot), berührt stellenweise Visionary Fiction (ohne Botschaftsprogramm), nutzt gelegentlich eine mythische Tiefenstruktur (ohne Allegorie) und kann im Buchhandel je nach Text am ehesten neben Literary Fiction / Speculative Literary einsortiert werden.
Da Imaginal Fiction auch den Weg zur »erzählenden Welt« aufzeigen kann, kann sie situativ auch Merkmale anderer Genres enthalten.
Lesemotive
Eintauchen, auseinandersetzen