Angus und Clara
»Angus?«
Angus kam mit einem Einatmen aus seiner Versenkung zurück.
Clara lächelte.
Er saß in einem der Cafés auf der Piazza del Comune der kleinen Weltstadt Assisi. Goldenes Sonnenlicht malte die Hauptgasse in die Schatten, die sich auf die Piazza legten. Die Touristenströme waren weitergezogen, hatten die Gassen wie ausgetrocknete Flussbetten zurückgelassen, die Piazza wie einen trockengelegten See fernab der Geschäftigkeit des Tages. In der Nähe läuteten die Glocken von Santo Stefano wie eine Insel der Gelassenheit.
Am Tisch neben ihm saß eine Frau. Ihre dunklen Augen und ihr schwarzes Haar passten perfekt zu ihrem olivgrünen Kleid. Sie schien in Gedanken versunken.
»Entschuldigung«, sagte Angus nach einer Weile. Die Frau blickte auf. »Ich möchte Sie wirklich nicht stören. Aber ich habe Sie schon eine Weile so sitzen sehen. Und ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht ein wenig reden möchten.«
Die Frau zog eine Augenbraue hoch. »Sie haben mich beobachtet?«
»Um Himmels willen, nein. Nicht beobachtet. Bemerkt. Darf ich mich zu Ihnen setzen?«
Sie lächelte. »Wenn Sie möchten.« Eine einladende Hand.
Angus nahm seinen Stuhl, trat zwei Schritte an den runden Tisch und setzte sich zu ihr.
»Mein Name ist Angus. Angus O’Donohue.«
»Ich bin Clara. Clara Rai. Woher kommen Sie?«
»Ich reise viel. Ich bin nirgendwo und an vielen Orten zu Hause. Ursprünglich komme ich aus Irland.«
»Das habe ich mir gedacht. Man hört es. Und der Name. Ist Reisen Ihr Beruf? Reisejournalist? Ich habe Sie vorhin etwas notieren sehen.«
»Dann haben Sie mich auch bemerkt.«
Clara lächelte.
»So etwas in der Art, ja«, sagte Angus. »Aber ich schreibe keine Reiseführer. Ich schreibe über Orte und über Menschen. Über das Glück, berührt zu werden und berührt zu sein. Über das Bedürfnis, sich einzufinden. Und über die Sehnsucht nach Verlässlichkeit. Kurz: Ich reise, um zu erforschen, was Heimat bedeuten kann.«
»Wow. Heimat. Da sprechen Sie einen Kern in mir an. Nach einer Minute.«
Und schon sind wir mitten in einem dieser Gespräche, wie sie nur in Assisi stattfinden können, lächelte Angus. Hier kann man sich nicht fremd sein. Nicht einmal sich selbst.
»Sie werden über mich schreiben?«, fragte Clara unsicher.
»Deshalb habe ich Sie nicht angesprochen. Schreiben ist nie die Motivation. Schreiben ist der Versuch einer Integration.«
»Ich wiederhole mich: Sie sind ein Mann der Worte.« Sie wandte sich näher zu ihm hin. »Heimat. Und doch sind Sie auf Reisen. Erzählen Sie mehr, wenn Sie wollen.«
Angus hatte den Eindruck, dass sie sich entschlossen hatte, sich auf das Gespräch einzulassen, indem sie die Führung übernahm. Zumindest für den Moment. Er ging gerne darauf ein. »Ich glaube, ich bin in gewisser Weise ein Forscher.«
»Welche Frage treibt Sie an?«
»Es ist keine Frage. Eher eine These: Heimat ist da, wo sich Kreise schließen. Persönlich relevante Kreise.«
Clara schwieg. »Wenn sich Kreise schließen ...« Sie ließ es wirken. »Ist das ein Ankommen?«
»Ankommen, ja. Und sich einfinden. Dem Ankommen geht ein Weg voraus. Dem sich Einfinden eine Suche.«
»Sind Sie sicher, dass Sie kein Philosoph sind? Oder Dichter?« Clara sah Angus interessiert an, als betrachte sie jemanden, der ihr vertraut und gerade von einer großen Reise zurückgekehrt war.
Angus lächelte. »Wo ist die Grenze? Ich stamme aus einer langen Linie von Geschichtenerzählern und Geschichtenerzählerinnen. Jeder Ort, den ich besuche, hält ein Geschenk für mich bereit. Das war schon immer so. Und das Geschenk von Assisi, das war etwas ganz Besonderes. In Assisi ist das Geschenk immer eine Begegnung.«
»Immer? Sie waren schon oft hier?«
»Viele Male. Mich interessieren Orte mit einer vielschichtigen Geschichte. Und es gibt kaum einen Ort, der so voller unlösbarer Widersprüche ist wie Assisi. Diese unauflösbare Reibung ist es, die eine kreative Spannung erzeugen kann.«
»Das spüre ich auch«, sagte Clara und nickte. Dann schaute sie Angus tief in die Augen. »Verraten Sie es mir? Ihr Geschenk?«
Angus lächelte und atmete einmal kräftig ein und aus. Es waren wunderbare Augen, die ihn sahen. Sie sprachen von Sanftmut, aber auch von Entschlossenheit. Und von Verlust.
»Es ist nicht so, dass ich ein Geschenk erwarte oder suche. Ich denke nicht einmal daran. Auch nicht vorhin, als ich in der Abendsonne durch die abgelegenen Gassen der Sonne entgegen spazierte. Ich kam von oben zur Basilica San Francesco, nicht durch die Hauptgasse. In diesem Moment senkte sich die Sonne auf die Kirche zu. Bald würde sie dahinter verschwinden. Der Augenblick ruhte in sich. Die untergehende Sonne, die länger werdenden Schatten, der schwache Nebel im Tal, die Farben. Da kam aus der unteren Gasse ein alter Mönch, ein Franziskaner. Ich weiß nicht, woher er stammte, aber nach seiner Kutte zu urteilen, kam er aus einem fernen Teil der Welt. Das Ziel eines jeden Franziskaners ist es, einmal in seinem Leben das Kloster San Francesco in Assisi zu besuchen. Der Mönch setzte sich auf eine Steinmauer und beobachtete, wie die Sonne sich der Basilica näherte und die Schatten länger wurden. Ich glaubte, ihn leicht nicken zu sehen. Er war ganz da, er war genau am richtigen Ort, wir beide waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich glaube, in diesem Moment, in diesem zeitlosen Augenblick, ist dieser Mensch nach Hause gekommen. Er hat sich eingefunden. Der Kreis hat sich geschlossen.« Angus machte eine kurze Pause. »Auch ich bin ein wenig mehr nach Hause gekommen. Das Leben hat eine neue, ja sanfte Bedeutung erfahren.«
Clara schaute Angus an und sagte nichts. Eine Träne benetzte ihre Wange.
»Entschuldigen Sie, wenn ich«, beeilte sich Angus zu sagen, »wenn ich Sie damit –«
»Sie belästigen mich nicht mit Ihrer Geschichte. Sie ist wunderschön. Und ich danke Ihnen, dass Sie sie mir erzählt haben.« Sie nahm eine Serviette und tupfte sich vorsichtig die Wange ab.
»Ich glaube, ich war derjenige, der etwas Gesellschaft brauchte«, lachte Angus jetzt. »Ich wollte Assisi nicht verlassen, ohne diesen Moment mit jemandem geteilt zu haben.«
Clara lächelte.
»Ich werde morgen früh nach Rom aufbrechen. Und Sie? Werden Sie noch lange in Assisi bleiben?«, fragte er.
»Ich glaube nicht«, sagte Clara.
»Haben Sie auch ein Geschenk bekommen?«
»Ich glaube, Sie haben es mir eben überreicht.«
Angus lächelte. Die Piazza schien jetzt von einer Stille erfüllt zu sein, die auch die letzten Tagesbesucher nicht stören konnten. Das leise Plätschern des Dorfbrunnens, das von den Steinmauern widerhallte, verstärkte diese Stille noch.
Nach einer Weile sagte Clara: »Später werde ich sagen: Und in diesem Moment habe ich eine Entscheidung getroffen. Aber das stimmt nicht. Plötzlich war da der nächste Schritt auf einer Reise, von der ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Verstehen Sie, was ich meine?«
»Ja, ich verstehe.«
»Ich werde meinen Vater besuchen, den ich sehr, sehr lange nicht gesehen habe. Von dem ich gar nicht wusste, wie sehr ich ihn vermisse. Bis Sie kamen und mir diese Geschichte erzählten.«
Angus schwieg. Was Clara gerade gesagt hatte, hatte wiederum etwas in ihm geweckt. Sein Blick richtete sich für einen Moment nach innen oder irgendwohin. Zu seiner Mutter. Zu ihrem Verschwinden.
Und hier waren sie.
»Angus?«
Angus kam mit einem Einatmen aus seiner Versenkung zurück.