Was ist Imaginal Fiction?
Geschichten, in denen die Welt nicht bloß Kulisse bleibt
Imaginal Fiction ist kein fertig definiertes Genre und keine philosophische Theorie in erzählerischer Form. Es ist die Bezeichnung, die ich für Geschichten verwende, in denen die Welt nicht bloß der Schauplatz menschlicher Handlungen bleibt. Wenn etwas geschieht, das Welt zur Mitspielerin macht.
Menschen begegnen darin einer Wirklichkeit, die ihnen nicht vollständig zur Verfügung steht. Orte, Erinnerungen, Dinge, Träume, Geschichten, verschiedene Zeiten wirken auf eine personale Weise am Geschehen mit. Sie können Widerstand leisten, etwas in Bewegung bringen, eine Richtung eröffnen oder eine Antwort verlangen.
«Imaginal Fiction erforscht erzählerisch, was geschieht, wenn die Welt als Gegenüber erfahren wird.»
Wenn die Welt antwortet
Eine antwortende Welt bedeutet nicht, dass jedes Ereignis ein Zeichen enthält, dass das Universum geheime Botschaften verschickt oder dass hinter den Dingen ein festgelegter Plan verborgen liegt.
Die Welt antwortet nicht wie eine menschliche Person, die eine eindeutige Mitteilung überbringt. Sie antwortet, indem sich eine Beziehung verändert. Ein Ort kann einen Menschen plötzlich ganz anders ausrichten. Eine Erinnerung kann in einer neuen Gegenwart wiederkehren und dadurch ihre Bedeutung so verändern, dass sie die Zukunft verändert. Eine Geschichte kann lange nach ihrem vermeintlichen Ende ganz konkret weiterwirken. Eine Begegnung kann sichtbar machen, was zuvor nicht wahrnehmbar war. Etwas kann uns nicht nur angehen, sondern ansprechen und eine eigene Antwort verlangen.
Diese Antwort ist nicht automatisch richtig, tröstlich oder leicht zu verstehen. Sie kann übersehen, missdeutet, vereinnahmt oder abgewehrt werden. Imaginal Fiction erzählt deshalb nicht einfach von einer beseelten oder harmonischen Welt. Sie erzählt auch davon, wie schwierig es sein kann, Wirklichkeit wahrzunehmen, ohne sie sofort zu erklären, zu benutzen oder in eine vertraute Deutung einzuordnen und sie dadurch zu vermindern.
Was bedeutet „imaginal“?
Der Begriff imaginal wurde besonders durch den französischen Religionsphilosophen Henry Corbin geprägt. Er unterschied das Imaginale von bloßer Einbildung, Fantasie und subjektiver Projektion. Bilder waren für ihn nicht lediglich private Erzeugnisse des menschlichen Inneren, sondern konnten eine eigene Wirklichkeit – eine Ontologie – besitzen.
Meine Verwendung des Begriffs ist mit diesem Gedanken verwandt, übernimmt aber keine bestimmte Metaphysik oder Kosmologie. Imaginal Fiction setzt weder eine unsichtbare Zwischenwelt noch eine religiöse Lehre voraus. Sie lässt offen, wie die Tiefen der Wirklichkeit letztlich zu verstehen sind. Ausgangspunkt und Handlungsfeld bleibt die konkrete, erfahrbare und verkörperte Welt.
Imaginal bezeichnet hier eine Qualität der Beteiligung: einen Zustand, in dem Wahrnehmung und Wirklichkeit so miteinander in Berührung kommen, dass mehr entsteht als eine subjektive Deutung auf der einen und ein stummes Objekt auf der anderen Seite. Das Imaginale fügt der Wirklichkeit nicht einfach etwas Erfundenes hinzu. Es kann sichtbar und spürbar machen, was in ihr bereits angelegt, gegenwärtig oder im Werden ist. Es kann eine größere Realität sichtbar machen als die, die wir normalerweise zulassen, ohne dass sie metaphysisch wird.
Wie erzählt Imaginal Fiction?
Imaginal Fiction hat Figuren, hat Handlung, kann spannend sein, machmal rätselhaft oder geheimnisvoll. Es geschieht etwas im Sinn einer Plotdynamik, und was geschieht, hat Folgen. Ein Ereignis ist jedoch nicht nur der nächste Schritt im Plot. Es verändert Beziehungen, öffnet Wahrnehmung und kann eine bisher verborgene Dimension der Welt freilegen. Eine Figur wird nicht nur vor eine Aufgabe gestellt. Ihre Weise, anderen Menschen, einem Ort, ihrer Vergangenheit und der Welt zu begegnen, kann sich grundlegend verändern. Ich nenne das eine Resonanzdynamik.
Auch Bilder sind nicht bloß verschlüsselte Aussagen, ich arbeite kaum mit Symboldynamik, auch nicht mit Metaphern (außer sprachlichen Alltagsmetaphern, von denen unsere Sprache lebt) und Allegorien. Ein Fluss muss nicht für etwas anderes stehen. Gerade weil etwas nicht auf einen Platzhalter und eine übertragene Bedeutung reduziert wird, kann es bedeutsam werden.
Imaginal Fiction fragt deshalb nicht nur:
Was geschieht als Nächstes?
Sie fragt auch:
Was zeigt sich hier? Was verändert sich zwischen den Beteiligten? Was wird durch dieses Ereignis wahrnehmbar? Und welche Antwort wird möglich?
Eine solche Geschichte wird nicht von einem Rätsel getragen, das am Ende gelöst sein muss, oder einer Botschaft, die dann verkündet wird. Im Zentrum kann eine Frage stehen, die sich im Verlauf der Erzählung vertieft, aufteilt, wiederkehrt und neue Gestalt annimmt. Die Transformation, die in einer Figur stattfindet, wird nicht einfach durch die Frage ausgelöst, wie sie sich ändern muss, dass ein Problem gelöst wird. Sondern: Wie ändert sich die Beziehung der Figur und Welt grundlegend? Es geht also nicht primär darum, wie eine bestimmte Situation gesehen wird. Es verändert sich dagegen die Weise, wie eine Person überhaupt in der Welt steht und mit ihr in Beziehung tritt. Kleine Transformationen – neue Sichtweisen, Einsichten, Reframings – sind darin Schritte, Episoden und lokale Bewegungen. Ihr eigentlicher Bogen ist jedoch die Transformation der Weltbeziehung selbst.
«Imaginal Fiction öffnet den Raum, in dem das Wirkliche sich vertiefen und die Welt antworten kann.»
Keine Theorie in Romanform
Imaginal Fiction will keine philosophischen, psychologischen oder spirituellen Gedanken illustrieren. Figuren sind keine Träger von Thesen, und Ereignisse werden nicht erfunden, um eine bereits feststehende Erkenntnis zu beweisen.
Gedanken, Modelle, Interpretationssysteme können in einer Geschichte auftauchen. Menschen können über Heimat, Zeit, Erinnerung, Hoffnung, Identität oder Wirklichkeit sprechen. Entscheidend ist jedoch, dass die Geschichte offenbleibt und ihre Figuren, Orte und Ereignisse eine Eigenwirklichkeit behalten, ohne reduziert zu werden. Imaginal Fiction gibt deshalb auch kein spirituelles Programm vor. Sie verspricht weder Erwachen noch Heilung, Selbstverwirklichung oder die Entdeckung einer persönlichen Bestimmung. Sie kann von all diesen Erfahrungen erzählen, ohne aus ihnen einen vorgeschriebenen Weg zu machen.
»Sie will nicht lehren, was die Welt bedeutet. Sie erkundet, wie Bedeutsamkeit im Kontakt mit der Welt entstehen kann.«
Die literarischen Nachbarschaften
Das ist mir besonders wichtig, um keine falsche Lese-Erwartung zu produzieren, beziehungsweise um sie von Anfang an in die richtige Richtung zu lenken. Genau darum haben wir den Begriff Imaginal Fiction in den Buchmarkt gerufen.
Imaginal Fiction berührt verschiedene Formen des Erzählens, ohne mit einer davon vollständig zusammenzufallen. Sie kann der Fantasy nahekommen, wenn die vertraute Wirklichkeit durchlässig wird und Unmögliches geschieht. Ihr Schwerpunkt liegt jedoch nicht auf der Konstruktion einer zweiten Welt, eines magischen Systems oder neuer Regeln. Sie sucht die Vieldimensionalität dieser Welt.
«Ich will nicht geheimnisvolle Geschichten schreiben, sondern wirklichkeitsvolle.»
Imaginal Fiction kann sich mit Science-Fiction überschneiden, wenn Zeit, Wirklichkeit oder gesellschaftliche Entwicklungen auf ungewohnte Weise erfahren werden. Im Mittelpunkt steht jedoch nicht notwendig ein technisches oder wissenschaftliches Novum.
«Das Neue kann aus einer veränderten Beziehung zur Wirklichkeit entstehen.»
Imaginal Fiction berührt den Magischen Realismus, wenn Außergewöhnliches in eine konkrete Welt eintritt, ohne restlos erklärt zu werden. Imaginal Fiction ist jedoch nicht an dessen besondere kulturelle und historische Entstehungszusammenhänge gebunden. Sie behauptet auch nicht, fremde Kosmologien oder indigene Weltbeziehungen übernehmen zu können.
Eine Nähe besteht ebenso zur Visionary Fiction (als Genre eher bekannt im englischsprachigen Raum). Beide können existenzielle Erfahrungen, Bewusstseinsveränderungen und spirituelle Fragen berühren. Imaginal Fiction stellt jedoch nicht primär die innere Entwicklung eines einzelnen Menschen ins Zentrum. Die Welt selbst wirkt am Geschehen mit. Veränderung ist nicht nur Selbstverwirklichung, sondern Veränderung einer Beziehung.
Auch Ecofiction, mythopoetische Literatur, philosophische Belletristik und literarische Gegenwartsromane können imaginale Qualitäten besitzen.
Diese Nachbarschaften sind keine Grenzzäune, dafür sind Geschichten zu vielschichtig und zu fließend. Sie helfen aber, den Schwerpunkt zu erkennen.
Neben welchen Autoren könnte Imaginal Fiction im Regal stehen?
Literarische Nachbarschaften sind keine Gleichsetzungen. Doch wer Imaginal Fiction einordnen möchte, könnte im Regal zum Beispiel in der Nähe von Hermann Hesse, Ursula K. Le Guin, Olga Tokarczuk, David Mitchell, Haruki Murakami oder Elif Shafak suchen.
Mit Hesse verbindet sie die existentielle Reise und die Durchlässigkeit zwischen äußerer und innerer Wirklichkeit; mit Le Guin die Freiheit, große philosophische Fragen ganz in Geschichten aufgehen zu lassen; mit Tokarczuk das Verweben von Orten, Zeiten, Menschen und Geschichten; mit Mitchell weit auseinanderliegende Erzählfäden, die unerwartet miteinander in Beziehung treten; mit Murakami jene Momente, in denen die vertraute Wirklichkeit sich öffnet, ohne dass eindeutig entschieden werden muss, wie diese Öffnung zu erklären ist; mit Shafak die Weise, wie Menschen, Orte, Geschichte, Erinnerung und nichtmenschliche Welt zu einem lebendigen Beziehungsgewebe werden.
Imaginal Fiction ist mit keinem dieser Werke identisch. Aber zwischen ihnen wäre kein schlechter Platz für diese Bücher.
Eine andere Art zu lesen?
Man muss den Begriff Imaginal Fiction nicht kennen, um diese Geschichten zu lesen. Die Bücher verlangen kein theoretisches Vorwissen. Lesende können ihnen ganz unvoreingenommen als Romane und Erzählungen begegnen. Imaginale Qualität zeigt sich jedoch häufig dort, wo eine Geschichte langsamer wird, wo ein Ort, ein Bild, eine Geste oder eine Stille mehr Raum erhält, als es für die reine Fortführung der Handlung notwendig wäre. Sie zeigt sich in Wiederholungen, Variationen, Assoziationen, in entfernten Verbindungen, in Verschiebungen der Wahrnehmung und in Ereignissen, deren Bedeutung nicht sofort feststeht – sie steht damit aktuellen Bestseller-Lesetrends vielleicht etwas entgegen.
Damit gewinnt das Lesen eine Richtung in die Tiefe und Weite; Imaginal Fiction lädt zu einem aufmerksamen Lesen ein, bei dem Bedeutung nicht nur verstanden, sondern auch empfunden, erinnert und weitergetragen werden kann. Es ist also eher nicht ein Leichtlesen für Zwischendurch. Sich einlassen und eintauchen sind Qualitäten, die auch ein gewisses Maß an Partizipation der Lesenden voraussetzen.
Ein Begriff als Einladung in den Dialog
Ich beanspruche nicht, den Ausdruck Imaginal Fiction erfunden oder eine abgeschlossene literarische Gattung gegründet zu haben. Der Begriff ist für mich zunächst eine offene poetologische Bezeichnung für eine bestimmte Weise des Schreibens und Erzählens – und für den Verlag eine lange diskutierte und abgewägte Notwendigkeit, um meinem Schreiben gerecht zu werden und vor allem die richtige Lese-Erwartung konkret benennen zu können. Der Begriff entstand also auch nicht als Konzept, nach welchen die Pionéa-Trilogie dann verfasst wurde. Die Geschichten waren zuerst da. Der Begriff kam später, als sich bei der Veröffentlichung die Frage stellte, wie diese Bücher eingeordnet werden könnten.
Ich schreibe daher nicht nach einem Katalog von Kriterien. Ich frage beim Schreiben nicht, ob eine Szene genügend imaginal ist. Ich folge Personen, Orten, Bildern, Bewegungen und Fragen, bis sich eine Geschichte zeigt.
Eine Definition ist nur dann hilfreich, wenn sie das Lesen öffnet. Sobald sie die Geschichte ersetzt, sie auf eine Idee reduziert oder ihre Freiheit begrenzt, verfehlt sie ihren Zweck. Das will die Definition also: die Lese-Erwartung klären.
Vielleicht wird Imaginal Fiction im Austausch mit anderen Büchern, Schreibenden und Lesenden eines Tages eine deutlichere Gestalt gewinnen. Bis dahin soll der Begriff präzise genug sein, um Orientierung zu geben, und offen genug, um sich weiterzuentwickeln.
«Ich will Imaginal Fiction nicht definieren. Ich will sie imaginieren.»
2026 Lucas Martainn
Imaginal Fiction in den Büchern von Lucas Martainn
Die Pionéa-Trilogie und die Geschichten der SPARCS-Reihe sind keine Illustrationen dieser Überlegungen. In ihnen wird Imaginal Fiction als Erzählung konkret.
Unerklärliche Ereignisse sind dort nicht nur Rätsel, die gelöst werden müssen. Sie verändern das Verhältnis der Figuren zur Zeit, zu Erinnerung, Heimat, Verlust, Hoffnung und zueinander. Orte sind nicht austauschbare Schauplätze. Geschichten können Menschen, Zeiten und Wirklichkeiten miteinander verbinden – und sie werden nicht nur erzählt, sondern auch verkörpert. Die Welt bleibt nicht im Hintergrund. Sie wirkt an der Erzählung mit, sie ist eine der Figuren in der Geschichte.
Das Feldbuch Imaginal – Wenn die Welt antwortet ist kein Schlüssel zu diesen Geschichten. Es geht den Fragen, die während des Schreibens gewachsen sind, in persönlichen Notizen und essayistischen Bewegungen nach. Fiktion und Feldbuch sind eigenständige Werke – verschiedene Pflanzen in derselben Wildnis.
«Imaginal Fiction – wenn die Welt sich erzählt.»