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Ausschnitt aus LOOP, Pionéa-Trilogie Band 1

Die Boje im Himalaya

Alles wie­der­hol­te sich in die­sem von der Welt ab­ge­schnit­te­nen Dorf. Jahr für Jahr. Leben um Leben.

Doch heute war es an­ders.

Lob­sang ließ sei­nen Blick zum Mut­ter­baum schwei­fen. Doch bevor er des­sen rot leuch­ten­den Blät­ter er­rei­chen konn­te, stopp­te ihn etwas Gel­bes in einem der Fel­der. Er konn­te nicht er­ken­nen, was es war. Da­ne­ben etwas Röt­li­ches. Das kann­te er.

Lob­sang setz­te sich in Be­we­gung.

Ten­zin, der sechs­jäh­ri­ge No­vi­ze, stand re­gungs­los da. Ein Be­su­cher hatte ihm eine rote Woll­müt­ze ge­schenkt, die zu groß für sei­nen kah­len Kopf war und ihm bis über die Au­gen­brau­en rutsch­te. Die Dorf­be­woh­ner nann­ten ihn schon jetzt den klei­nen Lama. Im Klos­ter er­hielt er seine bud­dhis­ti­sche Aus­bil­dung. Drei­mal in der Woche nahm er den Weg vom Klos­ter hier­her auf sich, um mit den Kin­dern des Dor­fes in die Schu­le zu gehen. Hier lern­te er Eng­lisch und Ma­the­ma­tik. Lob­sang be­rei­te­te ihn auf die weite Welt vor. Das zi­schen­de Ora­kel hatte vor sei­ner Ge­burt vor­aus­ge­sagt, dass er gleich zwei­mal in die weite Welt zie­hen würde.

Doch nun stand er neben dem leuch­tend gel­ben Ob­jekt und war kaum grö­ßer als die­ses. Lob­sang hatte seine Schrit­te be­schleu­nigt.

»Was hast du da?«, frag­te er, als er in Hör­wei­te war.

Ten­zin dreh­te sich um, lä­chel­te, als er sei­nen Leh­rer er­kann­te, und hob dann so­wohl die Schul­tern als auch die Au­gen­brau­en.

»Ein Flug­zeug muss es fal­len ge­las­sen ha­ben«, sagte Ten­zin, als Lob­sang ihn er­reich­te. Er ließ sei­nen kur­zen Arm lang­sam von oben nach unten glei­ten, als wäre es lang­sam ge­fal­len.

Lob­sang be­rühr­te den gel­ben Kör­per. »Kunst­stoff.« Er klopf­te dar­auf. »Hohl.« Er ging prü­fend darum herum. Kein Fall­schirm.

»Das hat kein Flug­zeug ab­ge­wor­fen. Sonst wäre es zer­bro­chen. Ein Hub­schrau­ber, der das hier ab­ge­setzt hätte, hätte das ganze Tal auf­ge­weckt.«

»Ist das ein Be­häl­ter? Kann man es öff­nen und es ist etwas drin?«

»Nein.«

»Was ist es dann?«

»Das ist eine Boje. Aus dem Meer.« Nicht, dass Lob­sang je­mals selbst eine Boje oder das Meer ge­se­hen hätte. »Siehst du das hier?«

Lob­sang deu­te­te auf Ver­krus­tun­gen am schma­len Ende, wo die Boje in einen Ring aus­lief. »Das ist Salz. Hier haben sie die Boje mit einer rie­si­gen Kette im Mee­res­bo­den ver­an­kert. Und hier«, Lob­sang ging mit Ten­zin zum obe­ren, brei­te­ren Ende, »ist die Boje von der Sonne aus­geb­li­chen.« Er zeig­te auf weiß­li­che Schmie­re. »Und das ist ...«

»Vo­gel­ka­cke«, sagte Ten­zin sach­lich.

Sie schwie­gen.

Gut be­ob­ach­tet. Nichts war zu ge­wöhn­lich, um Wahr­neh­mung und Ver­stand zu schu­len. Schon gar nicht eine Boje, die eines Mor­gens un­ver­sehrt im Ge­röll am höchs­ten Ende der Welt lag.

Schließ­lich sagte Lob­sang: »Ten­zin, geh und läute die Glo­cke. Und dann bring alle Schü­ler her.«

Ten­zin stand stumm bei der Boje. Lob­sang sah ihm an, dass der klei­ne Mönch ver­such­te, der gan­zen Si­tua­ti­on einen Sinn ab­zu­ge­win­nen.

»Ten­zin!«

Ten­zin schüt­tel­te kurz den Kopf und eilte dann zur Schu­le hin­auf. Die erste Mor­gen­son­ne hatte die Glo­cke er­reicht. Ein Schmet­ter­ling saß dar­auf, um sich zu wär­men. Ten­zin be­trach­te­te ihn in­ter­es­siert, doch dann fiel ihm ein, dass er eine Auf­ga­be hatte. Er nahm den di­cken Holz­stab und schlug zu­erst ganz sanft gegen das Me­tall. Der Schmet­ter­ling be­gann mit dem fast un­hör­ba­ren Klang zu vi­brie­ren. Ob ihn das er­wärm­te? Er be­weg­te seine Flü­gel und flog davon. Ten­zin lach­te, schau­te, lach­te, als der Schmet­ter­ling höher und höher flog und am blau­en Him­mel ver­schwand. Ten­zin wink­te ihm nach.

Dann läu­te­te er die Glo­cke.

Ihr Klang er­füll­te das ganze Tal.

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