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Ausschnitt aus HOPE, Pionéa-Trilogie Band 2

Die Stimmerin

Sein Le­bens­raum war das In­ne­re eines Flü­gels. Es gab darin keine Zeit, doch von außen be­trach­tet be­leb­te er die­sen Raum seit Jah­ren.

Als er die Tür öff­ne­te, er­schrak er, lä­chel­te dann ab sei­nem Irr­tum, denn er hatte schon ge­dacht, man hätte ihm eine Frau ge­schickt, was of­fen­sicht­lich nicht sein konn­te. Sie stand aus einem an­de­ren Grund vor sei­ner Tür, den er ehr­lich ge­sagt nicht wis­sen woll­te, aber es wäre nicht seine Art ge­we­sen, die Tür ein­fach wie­der zu schlie­ßen, also frag­te er. »Ja?«

»Ich bin hier, um Ihren Flü­gel zu stim­men.«

Er sagte nichts. Was um alles in der Welt hätte er auch sagen sol­len.

»Darf ich rein­kom­men?«

Er lä­chel­te ver­le­gen und trat zur Seite.

»Dan­ke.«

»Wo ist der Kla­vier­stim­mer, den ich bis jetzt immer hatte?«

»Oh, der ist nach Ha­waii aus­ge­wan­dert.«

»Ha­waii? Gibt es dort auch Kla­vie­re?«

»Ich bin mir si­cher, dass es auf Ha­waii auch Kla­vie­re gibt, aber das war – glau­be ich – nicht sein Be­weg­grund.«

»Ah.«

Er zeig­te ihr, wo der Flü­gel stand, ent­schul­dig­te sich dann und tat in der Küche so, als würde er ein Fest­mahl zu­be­rei­ten müs­sen, denn er muss­te etwas tun, es war zu un­fass­bar, doch in Wahr­heit tat er nichts. Er hatte nicht ge­wusst, dass Kla­vier­stim­me­rin­nen in die­sem Uni­ver­sum exis­tier­ten. Nicht, dass ihn die Si­tua­ti­on per se über­for­dert hätte, aber sie woll­te ihm nicht in den Kopf, kurz, sie war abs­trakt. Die ganze Zeit über ver­brach­te er in der Küche, bis er hörte, dass der Flü­gel ver­stumm­te und sie leise rief: »Ich bin fer­tig.«

Er be­dank­te sich höf­lich und be­glei­te­te sie zur Türe. Sie lä­chel­te, dank­te und ver­ab­schie­de­te sich. Er dank­te noch ein­mal und schloss die Tür.

Es war nicht nur so, dass ihn die Mög­lich­keit einer Kla­vier­stim­me­rin nie auch nur ge­streift hätte. Erst nach und nach wurde er sich auch der Trag­wei­te be­wusst. Schon die Stil­le, die sie zu­rück­ließ, war an­ders. Der Raum, in wel­chem der Flü­gel sich be­fand, und der Raum, der von ihm aus­strahl­te, ja die Di­men­si­on. Die­ser Ein­druck ver­tau­send­fach­te sich, als er sich vor­sich­tig setz­te, das Hal­te­pe­dal eben­so vor­sich­tig drück­te und die Dämp­fer sich von den Sai­ten lös­ten. Die Schwin­gun­gen und Re­so­nan­zen, die sich auf­ta­ten, nah­men ihm einen lan­gen Mo­ment den Atem. Schnell dämpf­te er die Sai­ten wie­der und erhob sich. Er stand da und wuss­te nicht, was zu tun war.

Bis jetzt hatte er sich immer an den Rän­dern be­wegt, an den Enden der be­kann­ten Uni­ver­sen, da, wo das Un­be­kann­te be­gann, und er brach­te ab und an ein Fund­stück zu­rück, indem er die Tas­ten­kom­bi­na­ti­on, die ihn dahin ge­führt hatte, no­tier­te. Doch jetzt fand er sich schon vor dem ei­gent­li­chen Ein­tritt in einem un­be­kann­ten Uni­ver­sum, noch ehe er auch nur einen ein­zi­gen Ton ge­spielt hatte. Er ver­ließ den Raum und zwang sich zu einem zwei­stün­di­gen Spa­zier­gang. Als er zu­rück­kehr­te, war der Flü­gel immer noch da. Er nä­her­te sich ihm vor­sich­tig, setz­te sich an ihn, öff­ne­te den Raum mit dem Hal­te­pe­dal. Seine Hände zit­ter­ten, als sie die Tas­ten er­tas­te­ten. Vor­sich­tig spiel­te er einen Ton und lausch­te. Noch einen. Lausch­te. Zwei Töne zu­sam­men. Alles klang an­ders, ver­klang an­ders, leuch­te­te an­ders, duf­te­te an­ders, sogar die Dun­kel­heit und die Stil­le san­gen an­ders. Er lüf­te­te den Raum ta­ge­lang. Nichts half. Die Note blieb.

Of­fe­ner, wei­ter, we­ni­ger ziel­ge­rich­tet viel­leicht, etwas pro­zess­haf­ter war der Klang, an­de­re Farb­tö­ne leuch­te­ten, ins Leben ge­ru­fe­ne Zwi­schen­räu­me, an­de­re Brü­cken wur­den ge­baut. Es war ihm sehr un­an­ge­nehm, denn er hatte das Ge­fühl, die Frau zu er­for­schen, ja sie ken­nen­zu­ler­nen. Aber da war noch mehr. Er muss­te er­ken­nen, dass er sich un­wis­send jah­re­lang in der Schöp­fung eines Man­nes auf­ge­hal­ten hatte, der nun aus ihm un­be­kann­ten Be­weg­grün­den nach Ha­waii aus­ge­wan­dert war, und er diese Schöp­fung als eine uni­ver­sal-neu­tra­le Ge­ge­ben­heit be­trach­tet hatte. Nun er­forsch­te er eine weib­li­che Schöp­fung und damit die Schöp­fe­rin. Es war zu viel.

Also war­te­te er zwei Wo­chen, in wel­chen er den Flü­gel zu igno­rie­ren ver­such­te und es mit Lesen pro­bier­te, was aber nicht rich­tig klap­pen woll­te. Er starr­te mehr oder we­ni­ger zwei Wo­chen lang auf die­sel­be Buch­sei­te eines Bu­ches, des­sen Titel er nicht hätte wie­der­ge­ben kön­nen, etwas mit mor­gen wird es bes­ser oder so ähn­lich. Nach Ab­lauf der sich selbst ge­setz­ten Frist griff er zum Te­le­fon und bat um einen männ­li­chen Kla­vier­stim­mer.

»Wes­halb denn?«

»Es waren Er­eig­nis­se, die mich in die Stil­le und an den Rand des Be­kann­ten ge­trie­ben hat­ten. Immer mün­de­ten meine In­ter­ak­tio­nen in Wün­sche, Träu­me, Vi­sio­nen und schließ­lich Ent­täu­schun­gen auf bei­den Sei­ten, kurz, sie waren zu er­eig­nis­haft. Wis­sen Sie, ich liebe große Räume, ich schei­ne sie auch zu er­schaf­fen, be­reit­zu­stel­len, ich kann nicht an­ders, es ge­hört zu mei­nem Wesen, was ich auch tue, aber Men­schen ver­lie­ren sich darin, er­schre­cken darin ab ihrer ei­ge­nen Größe, manch­mal auch ab ihrer Toll­kühn­heit, vor allem aber ab ihrer ei­ge­nen Ver­letz­lich­keit, und zie­hen sich dann in die ge­wohn­te Ord­nung und damit aus mei­nem Leben zu­rück. Was bleibt, ist die Stil­le. Also be­schloss ich, keine Feh­ler mehr ma­chen zu wol­len. Wie macht man keine Feh­ler mehr? Indem man diese Stil­le er­forscht, je­den­falls dach­te ich mir das, es blieb mir nichts an­de­res übrig, als die Ein­sam­keit zu kul­ti­vie­ren. Ich für mei­nen Teil wurde zum Schwei­gen­den und zum Hö­ren­den, ja Lau­schen­den, weil mir dies als die beste Art er­schien, un­ent­deckt zu wer­den, zu ver­schwin­den, und das muss man, wenn man keine Feh­ler ma­chen möch­te. Es muss sehr sub­til sein, sonst ist es ein Feh­ler. Man muss sich ver­ges­sen ma­chen, ver­ges­sen gehen, ohne dass es je­mand be­merkt und man ver­misst wird. Viel­leicht war diese Ent­schei­dung ein Feh­ler, ich weiß es nicht. Aber jetzt hat diese Stim­me­rin mir das un­schul­di­ge Hören ge­nom­men, in wel­chem ich mich auch selbst ver­ges­se, denn sie hat einen an­de­ren Raum hin­ge­stellt, den ich nicht er­for­schen möch­te, weil er auf ei­gen­tüm­li­che Weise Hei­mat bie­tet, die ich nicht be­woh­nen möch­te. Ver­ste­hen Sie?«

»Ich ver­ste­he voll­ends.«

»Wis­sen Sie, wenn ich mich lau­schend an den Rän­dern der be­kann­ten Uni­ver­sen auf­hal­te, da, wo das Un­be­kann­te be­ginnt, ist das eine an­ge­nehm ein­sa­me An­ge­le­gen­heit. Ich bin nicht nur Pil­ger, ich bin ein Pio­nier. Wie ein As­tro­naut in der stil­len und vor allem fast lee­ren Weite des Alls. Aber hier, das Uni­ver­sum zu er­for­schen, das diese Frau er­schafft, es ist nicht ein­sam, es ist – es ist! ... eine an­de­re Weite, sie zieht mich hin­ein in einen Boden, in wel­chen ich Wur­zeln schla­gen möch­te. Flä­chi­ge Wur­zeln, feine, die ein fi­li­gra­nes Netz bil­den, das nicht mehr aus­zu­rei­ßen ist, trotz oder ge­ra­de wegen sei­ner zart­ge­web­ten Fein­heit. Dabei möch­te ich doch schwe­re­los schwe­ben, völ­lig los­ge­löst. Ver­ste­hen Sie, was ich meine?«

»Ich ver­ste­he Sie nur zu gut.«

Er war er­leich­tert. »Wis­sen Sie, ich könn­te auch den Ama­zo­nas er­for­schen, oder eine an­de­re un­ent­deck­te Ecke die­ser Erde, aber das Pro­blem ist, diese Ecken gibt es nicht mehr, un­se­re Welt hat keine Rän­der mehr, nir­gends ist man mehr al­lein, nir­gends ist man mehr Pio­nier, selbst auf den höchs­ten Berg­gip­feln nicht und in den wei­tes­ten Wüs­ten, über­all trifft man auf an­de­re und muss in­ter­agie­ren, und damit sind er­neu­te Feh­ler un­aus­weich­lich. Nir­gends geht man ver­ges­sen. Man wird be­ob­ach­tet und fin­det sich schließ­lich auf Sa­tel­li­ten­auf­nah­men wie­der.«

»Hat­ten Sie Frei­tau­chen in Er­wä­gung ge­zo­gen? Ich habe ge­hört, es sei sehr still in hun­dert Me­tern Tiefe ohne Gas­fla­sche, wenn die Lun­gen zu schrum­pe­li­gen Äp­feln ge­schrumpft sind. Durch den Druck, wis­sen Sie.«

»Ich hatte es tat­säch­lich als Op­ti­on stu­diert. Es er­schien mir aber etwas zu li­ne­ar. Das Seil run­ter und wie­der hoch. Darum hatte ich mich für den Flü­gel ent­schie­den. Hier bin ich frei. Ich kann mich in jede er­denk­li­che und un­er­denk­li­che Rich­tung be­we­gen.«

»Ich ver­ste­he. Eine aus­ge­zeich­ne­te Wahl.«

»Ich brau­che einen neu­tra­len Raum, in wel­chem ich ein­fach nur für mich sein kann.«

»Al­les klar. Ich werde Ihnen einen Mann schi­cken, auch wenn wir uns damit ei­gent­lich auf dem ge­fähr­li­chen Ter­rain ein­fachs­ter Klas­si­fi­zie­run­gen be­we­gen, die heute streng ge­nom­men keine Gül­tig­keit mehr haben. Zudem ist Ihnen si­cher be­wusst, dass voll­kom­men neu­tral nicht rea­li­sier­bar ist? Man kann sich der Neu­tra­li­tät immer nur an­nä­hern.«

»Das ist mir in die­sem Pro­zess be­wusst ge­wor­den, und ich kann damit leben.«

»Wun­der­bar. Hät­ten Sie gerne einen jün­ge­ren oder einen äl­te­ren?«

»Ei­nen äl­te­ren gerne. Einen, der sich nicht mehr in einen Klang ein­brin­gen muss, weil er sich selbst auch schon zu­rück­ge­nom­men hat, und das, ohne sich in die Zu­rück­nah­me hin­ein­po­ten­zie­ren zu müs­sen. Einen, der in sich ruht, der er­stillt ist, ver­ste­hen Sie? Er darf durch­aus auch etwas tro­cken sein. Herb, möch­te ich sagen. Aber nicht do­mi­nant herb.«

»Ich habe den rich­ti­gen Mann für Sie. Sie wer­den sehr zu­frie­den sein.«

Er legte den Hörer auf und war er­leich­tert.

Am über­nächs­ten Tag er­war­te­te er ihn, doch wie­der stand sie vor der Tür, die Stim­me­rin, lä­chelnd, der Kol­le­ge sei kurz­fris­tig krank ge­wor­den und habe sie an­ge­ru­fen, da sie auch schon bei die­ser Adres­se ge­stimmt habe, und da sie ge­ra­de Zeit habe.

»Ha­ben Sie das nicht mit Ihrem Chef ab­ge­spro­chen?«

»Der ist auch krank, heut­zu­ta­ge sind ja alle krank.«

»Sie kön­nen wie­der gehen, danke.«

»Wis­sen Sie, ich stim­me Ihren Flü­gel sehr gerne. Er hat einen ganz ei­ge­nen Cha­rak­ter. Er ist sanft, er hat einen Herbst­klang würde ich sagen. Das Licht, die sub­ti­len Düfte und die klare Luft, ein biss­chen flie­hend bei­na­he, sich leise ent­zie­hend. Ich halte mich gerne in ihm auf. Ich darf mich ein­brin­gen, aber nur so, dass ich mich dabei ver­ges­se ohne mich ver­lie­ren zu kön­nen, und ich bin si­cher, das hat mit der Weise zu tun, in wel­cher er ge­spielt wird. Er atmet sich sehr an­ge­nehm.« Sie mach­te eine klei­ne Pause, in wel­cher sie in sich hin­ein­zu­hö­ren schien. »An­ge­nehm ist das fal­sche Wort, weil es das Un­an­ge­neh­me in sich trägt. Un­auf­dring­lich auch, weil das Auf­dring­li­che dicht da­ne­ben un­ge­dul­dig war­tet.« Sie stock­te und sah ihn an. »Ent­schul­di­gen Sie. Ich möch­te Sie nicht be­läs­ti­gen«, sagte sie schließ­lich und lä­chel­te trau­rig. »Ich werde jetzt gehen.«

»War­ten Sie. Viel­leicht fin­den Sie das Wort, wenn Sie den Flü­gel stim­men? Und wenn nicht, dann –«, er lä­chel­te ver­le­gen, »dann ist er we­nigs­tens ge­stimmt?«

Die Kla­vier­stim­me­rin lä­chel­te. »Sehr gerne.«

Er saß neben ihr, als sie den Flü­gel stimm­te. Er hatte ge­glaubt sie zu ken­nen. Noch nie hatte er sich so ge­täuscht, und noch nie war die Ent­täu­schung so an­ge­nehm ge­we­sen. Manch­mal lä­chel­te sie ihn an oder in den Flü­gel hin­ein. Es war nicht wich­tig, ob sie das Wort fin­den würde. Er be­trach­te­te sie, als würde er sich an etwas zu er­in­nern ver­su­chen, das er längst ver­ges­sen hatte.

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