Die Stimmerin
Sein Lebensraum war das Innere eines Flügels. Es gab darin keine Zeit, doch von außen betrachtet belebte er diesen Raum seit Jahren.
Als er die Tür öffnete, erschrak er, lächelte dann ab seinem Irrtum, denn er hatte schon gedacht, man hätte ihm eine Frau geschickt, was offensichtlich nicht sein konnte. Sie stand aus einem anderen Grund vor seiner Tür, den er ehrlich gesagt nicht wissen wollte, aber es wäre nicht seine Art gewesen, die Tür einfach wieder zu schließen, also fragte er. »Ja?«
»Ich bin hier, um Ihren Flügel zu stimmen.«
Er sagte nichts. Was um alles in der Welt hätte er auch sagen sollen.
»Darf ich reinkommen?«
Er lächelte verlegen und trat zur Seite.
»Danke.«
»Wo ist der Klavierstimmer, den ich bis jetzt immer hatte?«
»Oh, der ist nach Hawaii ausgewandert.«
»Hawaii? Gibt es dort auch Klaviere?«
»Ich bin mir sicher, dass es auf Hawaii auch Klaviere gibt, aber das war – glaube ich – nicht sein Beweggrund.«
»Ah.«
Er zeigte ihr, wo der Flügel stand, entschuldigte sich dann und tat in der Küche so, als würde er ein Festmahl zubereiten müssen, denn er musste etwas tun, es war zu unfassbar, doch in Wahrheit tat er nichts. Er hatte nicht gewusst, dass Klavierstimmerinnen in diesem Universum existierten. Nicht, dass ihn die Situation per se überfordert hätte, aber sie wollte ihm nicht in den Kopf, kurz, sie war abstrakt. Die ganze Zeit über verbrachte er in der Küche, bis er hörte, dass der Flügel verstummte und sie leise rief: »Ich bin fertig.«
Er bedankte sich höflich und begleitete sie zur Türe. Sie lächelte, dankte und verabschiedete sich. Er dankte noch einmal und schloss die Tür.
Es war nicht nur so, dass ihn die Möglichkeit einer Klavierstimmerin nie auch nur gestreift hätte. Erst nach und nach wurde er sich auch der Tragweite bewusst. Schon die Stille, die sie zurückließ, war anders. Der Raum, in welchem der Flügel sich befand, und der Raum, der von ihm ausstrahlte, ja die Dimension. Dieser Eindruck vertausendfachte sich, als er sich vorsichtig setzte, das Haltepedal ebenso vorsichtig drückte und die Dämpfer sich von den Saiten lösten. Die Schwingungen und Resonanzen, die sich auftaten, nahmen ihm einen langen Moment den Atem. Schnell dämpfte er die Saiten wieder und erhob sich. Er stand da und wusste nicht, was zu tun war.
Bis jetzt hatte er sich immer an den Rändern bewegt, an den Enden der bekannten Universen, da, wo das Unbekannte begann, und er brachte ab und an ein Fundstück zurück, indem er die Tastenkombination, die ihn dahin geführt hatte, notierte. Doch jetzt fand er sich schon vor dem eigentlichen Eintritt in einem unbekannten Universum, noch ehe er auch nur einen einzigen Ton gespielt hatte. Er verließ den Raum und zwang sich zu einem zweistündigen Spaziergang. Als er zurückkehrte, war der Flügel immer noch da. Er näherte sich ihm vorsichtig, setzte sich an ihn, öffnete den Raum mit dem Haltepedal. Seine Hände zitterten, als sie die Tasten ertasteten. Vorsichtig spielte er einen Ton und lauschte. Noch einen. Lauschte. Zwei Töne zusammen. Alles klang anders, verklang anders, leuchtete anders, duftete anders, sogar die Dunkelheit und die Stille sangen anders. Er lüftete den Raum tagelang. Nichts half. Die Note blieb.
Offener, weiter, weniger zielgerichtet vielleicht, etwas prozesshafter war der Klang, andere Farbtöne leuchteten, ins Leben gerufene Zwischenräume, andere Brücken wurden gebaut. Es war ihm sehr unangenehm, denn er hatte das Gefühl, die Frau zu erforschen, ja sie kennenzulernen. Aber da war noch mehr. Er musste erkennen, dass er sich unwissend jahrelang in der Schöpfung eines Mannes aufgehalten hatte, der nun aus ihm unbekannten Beweggründen nach Hawaii ausgewandert war, und er diese Schöpfung als eine universal-neutrale Gegebenheit betrachtet hatte. Nun erforschte er eine weibliche Schöpfung und damit die Schöpferin. Es war zu viel.
Also wartete er zwei Wochen, in welchen er den Flügel zu ignorieren versuchte und es mit Lesen probierte, was aber nicht richtig klappen wollte. Er starrte mehr oder weniger zwei Wochen lang auf dieselbe Buchseite eines Buches, dessen Titel er nicht hätte wiedergeben können, etwas mit morgen wird es besser oder so ähnlich. Nach Ablauf der sich selbst gesetzten Frist griff er zum Telefon und bat um einen männlichen Klavierstimmer.
»Weshalb denn?«
»Es waren Ereignisse, die mich in die Stille und an den Rand des Bekannten getrieben hatten. Immer mündeten meine Interaktionen in Wünsche, Träume, Visionen und schließlich Enttäuschungen auf beiden Seiten, kurz, sie waren zu ereignishaft. Wissen Sie, ich liebe große Räume, ich scheine sie auch zu erschaffen, bereitzustellen, ich kann nicht anders, es gehört zu meinem Wesen, was ich auch tue, aber Menschen verlieren sich darin, erschrecken darin ab ihrer eigenen Größe, manchmal auch ab ihrer Tollkühnheit, vor allem aber ab ihrer eigenen Verletzlichkeit, und ziehen sich dann in die gewohnte Ordnung und damit aus meinem Leben zurück. Was bleibt, ist die Stille. Also beschloss ich, keine Fehler mehr machen zu wollen. Wie macht man keine Fehler mehr? Indem man diese Stille erforscht, jedenfalls dachte ich mir das, es blieb mir nichts anderes übrig, als die Einsamkeit zu kultivieren. Ich für meinen Teil wurde zum Schweigenden und zum Hörenden, ja Lauschenden, weil mir dies als die beste Art erschien, unentdeckt zu werden, zu verschwinden, und das muss man, wenn man keine Fehler machen möchte. Es muss sehr subtil sein, sonst ist es ein Fehler. Man muss sich vergessen machen, vergessen gehen, ohne dass es jemand bemerkt und man vermisst wird. Vielleicht war diese Entscheidung ein Fehler, ich weiß es nicht. Aber jetzt hat diese Stimmerin mir das unschuldige Hören genommen, in welchem ich mich auch selbst vergesse, denn sie hat einen anderen Raum hingestellt, den ich nicht erforschen möchte, weil er auf eigentümliche Weise Heimat bietet, die ich nicht bewohnen möchte. Verstehen Sie?«
»Ich verstehe vollends.«
»Wissen Sie, wenn ich mich lauschend an den Rändern der bekannten Universen aufhalte, da, wo das Unbekannte beginnt, ist das eine angenehm einsame Angelegenheit. Ich bin nicht nur Pilger, ich bin ein Pionier. Wie ein Astronaut in der stillen und vor allem fast leeren Weite des Alls. Aber hier, das Universum zu erforschen, das diese Frau erschafft, es ist nicht einsam, es ist – es ist! ... eine andere Weite, sie zieht mich hinein in einen Boden, in welchen ich Wurzeln schlagen möchte. Flächige Wurzeln, feine, die ein filigranes Netz bilden, das nicht mehr auszureißen ist, trotz oder gerade wegen seiner zartgewebten Feinheit. Dabei möchte ich doch schwerelos schweben, völlig losgelöst. Verstehen Sie, was ich meine?«
»Ich verstehe Sie nur zu gut.«
Er war erleichtert. »Wissen Sie, ich könnte auch den Amazonas erforschen, oder eine andere unentdeckte Ecke dieser Erde, aber das Problem ist, diese Ecken gibt es nicht mehr, unsere Welt hat keine Ränder mehr, nirgends ist man mehr allein, nirgends ist man mehr Pionier, selbst auf den höchsten Berggipfeln nicht und in den weitesten Wüsten, überall trifft man auf andere und muss interagieren, und damit sind erneute Fehler unausweichlich. Nirgends geht man vergessen. Man wird beobachtet und findet sich schließlich auf Satellitenaufnahmen wieder.«
»Hatten Sie Freitauchen in Erwägung gezogen? Ich habe gehört, es sei sehr still in hundert Metern Tiefe ohne Gasflasche, wenn die Lungen zu schrumpeligen Äpfeln geschrumpft sind. Durch den Druck, wissen Sie.«
»Ich hatte es tatsächlich als Option studiert. Es erschien mir aber etwas zu linear. Das Seil runter und wieder hoch. Darum hatte ich mich für den Flügel entschieden. Hier bin ich frei. Ich kann mich in jede erdenkliche und unerdenkliche Richtung bewegen.«
»Ich verstehe. Eine ausgezeichnete Wahl.«
»Ich brauche einen neutralen Raum, in welchem ich einfach nur für mich sein kann.«
»Alles klar. Ich werde Ihnen einen Mann schicken, auch wenn wir uns damit eigentlich auf dem gefährlichen Terrain einfachster Klassifizierungen bewegen, die heute streng genommen keine Gültigkeit mehr haben. Zudem ist Ihnen sicher bewusst, dass vollkommen neutral nicht realisierbar ist? Man kann sich der Neutralität immer nur annähern.«
»Das ist mir in diesem Prozess bewusst geworden, und ich kann damit leben.«
»Wunderbar. Hätten Sie gerne einen jüngeren oder einen älteren?«
»Einen älteren gerne. Einen, der sich nicht mehr in einen Klang einbringen muss, weil er sich selbst auch schon zurückgenommen hat, und das, ohne sich in die Zurücknahme hineinpotenzieren zu müssen. Einen, der in sich ruht, der erstillt ist, verstehen Sie? Er darf durchaus auch etwas trocken sein. Herb, möchte ich sagen. Aber nicht dominant herb.«
»Ich habe den richtigen Mann für Sie. Sie werden sehr zufrieden sein.«
Er legte den Hörer auf und war erleichtert.
Am übernächsten Tag erwartete er ihn, doch wieder stand sie vor der Tür, die Stimmerin, lächelnd, der Kollege sei kurzfristig krank geworden und habe sie angerufen, da sie auch schon bei dieser Adresse gestimmt habe, und da sie gerade Zeit habe.
»Haben Sie das nicht mit Ihrem Chef abgesprochen?«
»Der ist auch krank, heutzutage sind ja alle krank.«
»Sie können wieder gehen, danke.«
»Wissen Sie, ich stimme Ihren Flügel sehr gerne. Er hat einen ganz eigenen Charakter. Er ist sanft, er hat einen Herbstklang würde ich sagen. Das Licht, die subtilen Düfte und die klare Luft, ein bisschen fliehend beinahe, sich leise entziehend. Ich halte mich gerne in ihm auf. Ich darf mich einbringen, aber nur so, dass ich mich dabei vergesse ohne mich verlieren zu können, und ich bin sicher, das hat mit der Weise zu tun, in welcher er gespielt wird. Er atmet sich sehr angenehm.« Sie machte eine kleine Pause, in welcher sie in sich hineinzuhören schien. »Angenehm ist das falsche Wort, weil es das Unangenehme in sich trägt. Unaufdringlich auch, weil das Aufdringliche dicht daneben ungeduldig wartet.« Sie stockte und sah ihn an. »Entschuldigen Sie. Ich möchte Sie nicht belästigen«, sagte sie schließlich und lächelte traurig. »Ich werde jetzt gehen.«
»Warten Sie. Vielleicht finden Sie das Wort, wenn Sie den Flügel stimmen? Und wenn nicht, dann –«, er lächelte verlegen, »dann ist er wenigstens gestimmt?«
Die Klavierstimmerin lächelte. »Sehr gerne.«
Er saß neben ihr, als sie den Flügel stimmte. Er hatte geglaubt sie zu kennen. Noch nie hatte er sich so getäuscht, und noch nie war die Enttäuschung so angenehm gewesen. Manchmal lächelte sie ihn an oder in den Flügel hinein. Es war nicht wichtig, ob sie das Wort finden würde. Er betrachtete sie, als würde er sich an etwas zu erinnern versuchen, das er längst vergessen hatte.