Pionéa und Solas
Auch die Straße sagte nichts, auf die ein paar Meter vom Lebensmittelladen entfernt das Brot aus seiner vollen Einkaufstasche gefallen war. MacGavin stand da. Starrte auf den brotfarbenen Fleck auf der Straße. Viel mehr als Umrisse konnte er nicht erkennen, und auch die waren nur verschwommen.
Mit einer Hand auf den Stock gestützt, die andere die Einkaufstasche haltend und die neue Leichtigkeit abwägend, betrachtete er die Situation. Er könnte zwar die Tasche abstellen, um eine Hand frei zu haben, aber das würde ihm nichts nützen. Denn so weit konnte er sich nicht bücken, ohne ein erhebliches Risiko einzugehen. Er würde zurück in den Laden gehen müssen, denn rufen war mit seiner Stimme nicht mehr möglich. Er würde die beiden Frauen stören müssen, die jetzt bestimmt ein interessantes Gespräch führten.
Er wollte diese Unvermeidlichkeit schon in einen Schritt umsetzen, als er das Pferd hörte. Denn hören konnte er wie in seinen jüngsten Jahren. Es kam näher. Er drehte sich mit kleinen Schritten in die Richtung und sah ein weißes Pferd – eine weiße Fläche, aber er wusste, was es war – auf sich zukommen. Es blieb in einiger Entfernung stehen, einer aufmerksamen, sorgsamen Entfernung, spürte MacGavin, und jemand stieg ab.
Zunächst lautlos näherte sich dieser Jemand. MacGavin erkannte zuerst die Schönheit in der Bewegung, und daraus entstand die vage Gestalt einer Frau.
»Lassen Sie mich Ihnen helfen«, sagte diese nun, bückte sich und hob das Brot auf. »Ich glaube, es hat den Fall und den Aufenthalt auf dem Boden gut und sauber überstanden«, sagte sie.
»Oh, ein bisschen Kontakt mit der Erde schadet niemandem«, sagte MacGavin zu der Frau und strahlte sie an. Er wusste, dass er strahlte, und er wusste, dass er nicht so strahlte, wie es die Alten manchmal tun, wenn sie sich ein wenig zu sehr über eine einfache Begegnung freuen, weil diese ein lang ersehntes Ereignis in einem weiten, leeren Feld der Einsamkeit war. MacGavin hatte sich nie einsam gefühlt. Die meiste Zeit seines Lebens war er es nicht gewesen, und als sein Leben stiller geworden war, hatte er erfahren, dass er nicht allein gelassen wurde.
»Ich möchte nicht aufdringlich sein«, sagte die Frau. »Ich bin ...«
MacGavin war nicht schneller, weil er schnell reagiert hätte, sondern weil er vom ersten Atemzug seiner Begegnung mit dieser Frau in einen Fluss eingeladen worden war, in welchem ihr Name wie selbstverständlich als nächstes Treibholz vorbeischwamm. »Pionéa«, sagte er. »Tromantis.«
»Sie kennen mich?«
»Es ist mir ein Vergnügen, Sie willkommen zu heißen und Sie kennenzulernen, Frau Tromantis.«
»Pionéa, bitte.«
»Nur, wenn Sie mich Solas nennen. MacGavin ist nur zur Information.«
»Solas, ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Darf ich Ihre Einkaufstasche tragen? Ich kann Sie nach Hause bringen.«
»Sind Sie sicher? Es ist ziemlich weit. Ich wohne am Rande des Dorfes.«
»Das können nicht mehr als vierhundert Meter sein.«
»Nach meiner Zeit gerechnet, und diese verglichen mit der Zeit der anderen, ist es ein langer Fußmarsch. Aber etwas sagt mir, dass Sie sich auch nicht in der Zeit der anderen bewegen.«
Er reichte ihr andeutungsweise seine Einkaufstasche. Zum einen, weil die Tasche zu schwer war, um sie mehr als ein wenig in der Horizontalen zu bewegen. Zum anderen, weil er bereits wusste, dass diese Frau subtile Gesten lesen konnte.
Pionéa nahm die Tasche entgegen. »Sie scheinen ein Menschenkenner zu sein, Solas.«
»Ha!«, lachte er einmal. »Die Anzahl der Menschen, die ich im Laufe meines Lebens kennengelernt habe, kann heute wahrscheinlich das Rennen um den Negativrekord gewinnen. Ich kann sie an den Händen meiner Familie abzählen.«
»Man muss nicht viele Menschen kennen, um sie wirklich zu kennen.«
»Wie wahr. Ich glaube, ich werde unsere Wanderung sehr genießen.«
»Ich freue mich darauf. Und wir haben schon offene Fragen, bevor wir überhaupt losgegangen sind. Wollen wir?«
»Ihr Pferd. Sie binden es nicht an?«
»Es hat kein Zaumzeug, mit dem ich es anbinden könnte. Oder sollte. Es wird uns folgen.«
»Hm«, sagte er beeindruckt. »Was für ein feines Pferd.«
Sie setzten sich in Bewegung. Schritt für Schritt.
»Ohne Zaumzeug und auch ohne Sattel, wie ich zu sehen glaube. Wissen Sie, meine liebe Pionéa, ein Pferd als Fortbewegungsmittel ist heute selbst auf den Äußeren Hebriden eher ungewöhnlich. Und dann auch noch ohne alles?«
»Autos sind schon lange nicht mehr mein Ding.«
»Meins auch nicht. Wir hatten nie eins. Warum auch? Die sind doch zu schnell, oder?«
»Sie sind zu schnell, ja.«
Zwei langsame Schritte lang war es still.
»Darf ich fragen, woher Sie meinen Namen kennen?«, fragte Pionéa.
»Sie sind der einzige Gast in der Gegend. Zusammen mit ihrem Gefährten Angus O’Donohue, meine ich. Das spricht sich herum. Noch dazu mit so einem schönen Namen. Ich kenne hier jeden. Sie habe ich vorhin noch nicht gekannt, deshalb habe ich Sie erkannt. Sie mussten Pionéa Tromantis sein. Und müssen es immer noch sein.«
»Danke, dass Sie mich Gast nennen. Und nicht Fremde.«
»Es gibt keine Fremden. Es gibt Menschen, die man noch nicht kennt. Und es gibt Menschen, die aus irgendeinem Grund ihre angestammte Landschaft verlassen, um woanders zu sein. Eine neue Landschaft gibt uns die Chance, ein neuer Mensch zu werden, nicht wahr? Sie, meine liebe Pionéa, befinden sich gerade in unserer Landschaft. Sie sind also unser Gast.«
»Das ist eine sehr schöne Art, die Menschen zu sehen.«
»Das lehrt uns die Landschaft. Sie heißt alle Gäste willkommen. Also heißen wir alle Gäste willkommen.«
Langsam gingen sie die Gasse entlang. Vorbei an der Post. Zum Dorfausgang, wo dahinter das Haus auf seinen Bewohner wartete. Ein kleines Haus. Ein feines Haus. Albion schritt ruhig hinter ihnen her.
»Ich fühle mich, als hätte ich einen Schutzengel«, sagte Solas und deutete nach hinten.« Ich meine, eher –«, er deutete auf Pionéa, »zwei.«
Pionéa lächelte.