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Ausschnitt aus RETURN, Pionéa-Trilogie Band 3

Pionéa und Solas

Auch die Stra­ße sagte nichts, auf die ein paar Meter vom Le­bens­mit­tel­la­den ent­fernt das Brot aus sei­ner vol­len Ein­kaufs­ta­sche ge­fal­len war. Mac­Ga­vin stand da. Starr­te auf den brot­far­be­nen Fleck auf der Stra­ße. Viel mehr als Um­ris­se konn­te er nicht er­ken­nen, und auch die waren nur ver­schwom­men.

Mit einer Hand auf den Stock ge­stützt, die an­de­re die Ein­kaufs­ta­sche hal­tend und die neue Leich­tig­keit ab­wä­gend, be­trach­te­te er die Si­tua­ti­on. Er könn­te zwar die Ta­sche ab­stel­len, um eine Hand frei zu haben, aber das würde ihm nichts nüt­zen. Denn so weit konn­te er sich nicht bü­cken, ohne ein er­heb­li­ches Ri­si­ko ein­zu­ge­hen. Er würde zu­rück in den Laden gehen müs­sen, denn rufen war mit sei­ner Stim­me nicht mehr mög­lich. Er würde die bei­den Frau­en stö­ren müs­sen, die jetzt be­stimmt ein in­ter­es­san­tes Ge­spräch führ­ten.

Er woll­te diese Un­ver­meid­lich­keit schon in einen Schritt um­set­zen, als er das Pferd hörte. Denn hören konn­te er wie in sei­nen jüngs­ten Jah­ren. Es kam näher. Er dreh­te sich mit klei­nen Schrit­ten in die Rich­tung und sah ein wei­ßes Pferd – eine weiße Flä­che, aber er wuss­te, was es war – auf sich zu­kom­men. Es blieb in ei­ni­ger Ent­fer­nung ste­hen, einer auf­merk­sa­men, sorg­sa­men Ent­fer­nung, spür­te Mac­Ga­vin, und je­mand stieg ab.

Zu­nächst laut­los nä­her­te sich die­ser Je­mand. Mac­Ga­vin er­kann­te zu­erst die Schön­heit in der Be­we­gung, und dar­aus ent­stand die vage Ge­stalt einer Frau.

»Las­sen Sie mich Ihnen hel­fen«, sagte diese nun, bück­te sich und hob das Brot auf. »Ich glau­be, es hat den Fall und den Auf­ent­halt auf dem Boden gut und sau­ber über­stan­den«, sagte sie.

»Oh, ein biss­chen Kon­takt mit der Erde scha­det nie­man­de­m«, sagte Mac­Ga­vin zu der Frau und strahl­te sie an. Er wuss­te, dass er strahl­te, und er wuss­te, dass er nicht so strahl­te, wie es die Alten manch­mal tun, wenn sie sich ein wenig zu sehr über eine ein­fa­che Be­geg­nung freu­en, weil diese ein lang er­sehn­tes Er­eig­nis in einem wei­ten, lee­ren Feld der Ein­sam­keit war. Mac­Ga­vin hatte sich nie ein­sam ge­fühlt. Die meis­te Zeit sei­nes Le­bens war er es nicht ge­we­sen, und als sein Leben stil­ler ge­wor­den war, hatte er er­fah­ren, dass er nicht al­lein ge­las­sen wurde.

»Ich möch­te nicht auf­dring­lich sein«, sagte die Frau. »Ich bin ...«

Mac­Ga­vin war nicht schnel­ler, weil er schnell re­agiert hätte, son­dern weil er vom ers­ten Atem­zug sei­ner Be­geg­nung mit die­ser Frau in einen Fluss ein­ge­la­den wor­den war, in wel­chem ihr Name wie selbst­ver­ständ­lich als nächs­tes Treib­holz vor­beischwamm. »Pio­néa«, sagte er. »Tro­man­tis.«

»Sie ken­nen mich?«

»Es ist mir ein Ver­gnü­gen, Sie will­kom­men zu hei­ßen und Sie ken­nen­zu­ler­nen, Frau Tro­man­tis.«

»Pio­néa, bitte.«

»Nur, wenn Sie mich Solas nen­nen. Mac­Ga­vin ist nur zur In­for­ma­ti­on.«

»So­las, ich freue mich, Ihre Be­kannt­schaft zu ma­chen. Darf ich Ihre Ein­kaufs­ta­sche tra­gen? Ich kann Sie nach Hause brin­gen.«

»Sind Sie si­cher? Es ist ziem­lich weit. Ich wohne am Rande des Dor­fes.«

»Das kön­nen nicht mehr als vier­hun­dert Meter sein.«

»Nach mei­ner Zeit ge­rech­net, und diese ver­gli­chen mit der Zeit der an­de­ren, ist es ein lan­ger Fuß­marsch. Aber etwas sagt mir, dass Sie sich auch nicht in der Zeit der an­de­ren be­we­gen.«

Er reich­te ihr an­deu­tungs­wei­se seine Ein­kaufs­ta­sche. Zum einen, weil die Ta­sche zu schwer war, um sie mehr als ein wenig in der Ho­ri­zon­ta­len zu be­we­gen. Zum an­de­ren, weil er be­reits wuss­te, dass diese Frau sub­ti­le Ges­ten lesen konn­te.

Pio­néa nahm die Ta­sche ent­ge­gen. »Sie schei­nen ein Men­schen­ken­ner zu sein, Solas.«

»Ha!«, lach­te er ein­mal. »Die An­zahl der Men­schen, die ich im Laufe mei­nes Le­bens ken­nen­ge­lernt habe, kann heute wahr­schein­lich das Ren­nen um den Ne­ga­tiv­re­kord ge­win­nen. Ich kann sie an den Hän­den mei­ner Fa­mi­lie ab­zäh­len.«

»Man muss nicht viele Men­schen ken­nen, um sie wirk­lich zu ken­nen.«

»Wie wahr. Ich glau­be, ich werde un­se­re Wan­de­rung sehr ge­nie­ßen.«

»Ich freue mich dar­auf. Und wir haben schon of­fe­ne Fra­gen, bevor wir über­haupt los­ge­gan­gen sind. Wol­len wir?«

»Ihr Pferd. Sie bin­den es nicht an?«

»Es hat kein Zaum­zeug, mit dem ich es an­bin­den könn­te. Oder soll­te. Es wird uns fol­gen.«

»Hm«, sagte er be­ein­druckt. »Was für ein fei­nes Pferd.«

Sie setz­ten sich in Be­we­gung. Schritt für Schritt.

»Ohne Zaum­zeug und auch ohne Sat­tel, wie ich zu sehen glau­be. Wis­sen Sie, meine liebe Pio­néa, ein Pferd als Fort­be­we­gungs­mit­tel ist heute selbst auf den Äu­ße­ren He­bri­den eher un­ge­wöhn­lich. Und dann auch noch ohne alles?«

»Au­tos sind schon lange nicht mehr mein Ding.«

»Meins auch nicht. Wir hat­ten nie eins. Warum auch? Die sind doch zu schnell, oder?«

»Sie sind zu schnell, ja.«

Zwei lang­sa­me Schrit­te lang war es still.

»Darf ich fra­gen, woher Sie mei­nen Namen ken­nen?«, frag­te Pio­néa.

»Sie sind der ein­zi­ge Gast in der Ge­gend. Zu­sam­men mit ihrem Ge­fähr­ten Angus O’Don­o­hue, meine ich. Das spricht sich herum. Noch dazu mit so einem schö­nen Namen. Ich kenne hier jeden. Sie habe ich vor­hin noch nicht ge­kannt, des­halb habe ich Sie er­kannt. Sie muss­ten Pio­néa Tro­man­tis sein. Und müs­sen es immer noch sein.«

»Dan­ke, dass Sie mich Gast nen­nen. Und nicht Frem­de.«

»Es gibt keine Frem­den. Es gibt Men­schen, die man noch nicht kennt. Und es gibt Men­schen, die aus ir­gend­ei­nem Grund ihre an­ge­stamm­te Land­schaft ver­las­sen, um wo­an­ders zu sein. Eine neue Land­schaft gibt uns die Chan­ce, ein neuer Mensch zu wer­den, nicht wahr? Sie, meine liebe Pio­néa, be­fin­den sich ge­ra­de in un­se­rer Land­schaft. Sie sind also unser Gast.«

»Das ist eine sehr schö­ne Art, die Men­schen zu sehen.«

»Das lehrt uns die Land­schaft. Sie heißt alle Gäste will­kom­men. Also hei­ßen wir alle Gäste will­kom­men.«

Lang­sam gin­gen sie die Gasse ent­lang. Vor­bei an der Post. Zum Dorf­aus­gang, wo da­hin­ter das Haus auf sei­nen Be­woh­ner war­te­te. Ein klei­nes Haus. Ein fei­nes Haus. Al­bi­on schritt ruhig hin­ter ihnen her.

»Ich fühle mich, als hätte ich einen Schutz­en­gel«, sagte Solas und deu­te­te nach hin­ten.« Ich meine, eher –«, er deu­te­te auf Pio­néa, »zwei.«

Pio­néa lä­chel­te.

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