Der Tanz der Asche
Es hatte geknallt, gedonnert, der Berg war explodiert, eine Luftwelle hatte sie umgeworfen, alle, vieles, die Erde hatte gebebt, immer wieder, und die alte Alba hatte sich in das Innerste ihres Hauses zurückgezogen, während sie die Menschen auf der Straße schreien hörte, rennen, fliehen. Sie war zu alt, um zu fliehen. Ihre Beine trugen sie nur noch in kleinen, tastenden Schritten. Irgendwann waren die Schritte der anderen und ihre Schreie verstummt und es war dunkel geworden. Nicht weil die Nacht hereingebrochen war. Es war eine andere Dunkelheit. Eine, die sich leiser als der Regen auf ihr Dach senkte, aber nicht unhörbar. Wie ein Flüstern. Als würden die Menschen, die eben noch geschrien hatten, nun auf ihr Dach flüstern. Auch das Flüstern wurde leiser. Dumpfer. Distanzierter. Verstummte. Mit der Stille verdichtete sich die Dunkelheit. Jetzt schwieg die ganze Welt in einer alles vereinenden Schwärze. Die Alte hörte nur ihren eigenen Atem, flach, aber ruhig. Sie fürchtete sich nicht. Durch Ritzen im Dach rieselte etwas auf ihren Kopf. Es war kein Wasser. Alba schaute auf, sah nichts, blinzelte, weil es ihr in die Augen fiel. Sie rieb sie. Es war so dunkel, dass sie ihre Hände nicht sehen konnte. Aber sie spürte, was es war, als sie es zwischen den Fingern zerrieb. Es war fein wie Staub.
Feiner.
Asche.
Es war Asche.
Die Götter sind zornig, hatten die Menschen in den letzten Tagen gesagt, als die Erde bebte und der Berg grollte. Sie hatten Rituale veranstaltet, um sie zu besänftigen. Sie wären besser gleich geflohen, als ihre Zeit mit Ritualen zu vergeuden. Denn die Götter ließen sich nicht besänftigen. Ja, man hatte die Götter undankbar behandelt. Aber deshalb waren sie nicht zornig. Götter sind einsam, wenn sie verlassen werden, nicht erzürnt. Die alte Alba hatte nur den Kopf geschüttelt. So sanft, dass man es als Beobachter für eine Geste des Alters gehalten hätte, nicht der Missbilligung. Die Götter grollten nicht in Gebirgen und ließen die Erde erbeben. Zu oft hatte sie die Götter und Göttinnen anders erlebt. Als begleitender Raum bei der Suche nach Wasser. Als Einladung, den Tag zu feiern, wenn die Sonne unterging. Als stille Weite des Sternenhimmels, in der ihre kleinen Gedanken eine große Heimat fanden. Als eine Stimme von innen, die sie zur Wahrheit hinflüsterten.
Ein junger Mann war ihr gestern auf der Straße begegnet, als sie vor ihrem Haus saß, hatte ihre Hand genommen, sich bei ihr entschuldigt und sie gesegnet. Sie hatte ihn ebenfalls gesegnet, hatte dem vor ihr Knienden ihre gütige Hand auf die Stirn gelegt, du wirst nicht immer alleine gehen müssen, und er war traurig und mit schweren Schultern davongegangen, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Es hatte geknallt, gedonnert, der Berg war explodiert.
Es wurde wärmer, wurde heiß. Sie berührte eine Wand. Die Wand war auch heiß. Würde das Dach halten?
Alba brauchte nicht zu rufen. Sie wusste: Da draußen war nichts.
Trotzdem tastete sie nach der Tür. Sollte sie sie öffnen? Vielleicht nur einen Spalt. Sie drehte an dem Holz, das die Tür verschlossen hielt. Sie erschrak und wich, so schnell sie konnte, ein paar Schritte zurück. Die Tür war aufgesprungen, jetzt, wo sie nicht mehr gehalten wurde. Aufgestoßen von einer Wand aus Asche, die sich nun ganz natürlich, ruhig und kommentarlos in den Raum ergoss, als wäre er ihr Zuhause.
Die Asche hatte ihre Füße begraben. Etwas konsterniert befreite Alba sich eilig, um sie nicht zu verbrennen. Dann musste sie sich erst einmal hinsetzen. Nach einer kurzen Pause fand sie den Besen in der Ecke. Sie fing an, die Asche in Richtung der Tür zu fegen, die sie nicht mehr schließen konnte. Weit kam sie nicht. Es war zu heiß. Sie fand das Wasser. Trank. Setzte sich, schwitzend und erschöpft.
Und doch lächelte Alba.
Die Götter saßen bei ihr in diesem dunklen Raum. Ließen sie nicht allein. Sagten nichts, grollten nicht, zitterten nicht. Waren einfach mit ihr. Denn auch die Götter wollten in diesen Zeiten nicht allein sein.
In der Ferne grollte es wie ein verhallender Donner. Nicht nur weit weg. Weit oben. Sie blickte zur Tür. Zu der Wand aus Asche, die ihr entgegengekommen war, fein säuberlich in ihre Schranken gekehrt, so gut es der Alten gelungen war. Nun war ihr Werk vollbracht. Sie hatte nichts mehr zu tun. So würde es enden. Es war gut.
Sie schwitzte. In ihrem Haus war es heiß wie in einem Backofen.
Plötzlich blinzelte sie. Ein Lichtstrahl fiel durch das Dach, scharf wie ein Messer, das durch die Dunkelheit schneidet. Für einen Augenblick sah die Alte den Tanz der Asche in der regungslosen Stille des Raumes. Friedlich. So friedlich. So wirklich.
Dann rauschte es leise, und der Lichtstrahl verschwand so schnell, wie er gekommen war. Die Asche auf dem Dach musste sich bewegt haben. Sie schloss die Augen. Hielt das Bild des Tanzes lebendig. Erinnerte sich. An die vielen schönen Momente in ihrem Leben, an dessen Ende sie sich nun in der neuen Tiefe der Erde niedergelassen hatte. Sie war angekommen. Sie lächelte in die Dunkelheit, schloss die Augen und atmete lange aus.