Heimkehr
Im Dunst fliegende Berge wie Pinselstriche.
Er war ausgezogen um die Welt zu entdecken.
Jetzt war er zurückgekehrt um sich von ihr zu verabschieden.
Seltsam, dachte er. Dass ich hierher zurückkehre, um mich von der Welt zu verabschieden, die ich hier nicht finden konnte.
In der Spitze des Kirchturmes hatte sich der letzte Sonnenstrahl verfangen.
Im Schatten der kleine Kreuzwald, dessen Kreuze alle denselben, seinen, Nachnahmen trugen.
Tiefer im Tal der große Wald der namenlosen Bäume. Grün hatten sie gesungen. Gelb die Stille geatmet. Jetzt begannen sie zu schlafen, nackt und verstummt. Als würden sie Luft holen für den nächsten Gesang.
Es waren die Nächte, die ihn hierhergetragen hatten. Auf ihnen ritt er sich selbst voraus über die Berghänge, über die tiefen Täler hinweg, zu dem Ort, den er, ohne es zu wissen, nie verlassen hatte.
Er war ausgezogen um das Leben zu leben. Er war ausgezogen um gesehen zu werden. Gehört zu werden.
Um Teil der Welt zu sein, sie mitzugestalten. Ihr einen Klang zu geben.
Nun gab sie ihm Stille.
Sie hatte ihm immer Stille gegeben.
Und so war ich immer hier, dachte er, als er mit dampfendem Atem nach oben zu der Kirchturmspitze schaute, von der sich soeben die letzte Lichtfahne löste und nach oben schwebte.
Er war gesehen worden, hatte sich hören gemacht, hatte die Welt in Klang gefärbt, hatte geliebt, geheiratet, eine Familie gegründet.
Der Kreislauf. Seine Kinder waren ausgezogen, weiter gezogen, nicht einfach in die nächste größere Stadt, wie er es getan hatte, sondern auf den nächsten größeren Kontinent, und dort in die größten Städte.
Um das Leben zu leben.
Er ließ den Kirchturm hinter sich. Atmete die klare Steinluft mit einem Hauch Stallgeruch. Es erwachten Erinnerungen an heiße Sommertage, an die Kühe, die er als kleiner Junge zum Dorfbrunnen getrieben hatte. An das Mädchen, an dessen Aussehen und Namen er sich nicht mehr erinnerte, sie war nur noch die Erinnerung an ein Ereignis, und das war sie damals, ein Ereignis, sie, die nur im Sommer kam, aus der Stadt, aus einer anderen Welt, und ihn bezauberte und verzauberte, ihn stumm gemacht und ihm verunmöglicht hatte, auch nur ein Wort mit ihr zu sprechen.
Es senkte sich die eine Nacht auf die Berge und die andere stieg aus dem Tal hinauf, um sich hier im Dorf zu treffen und die einzige Straße mit dunkler Leere zu erfüllen. Er stand am Brunnen auf dem Dorfplatz, wo sie tagelang kleine Schiffchen hatten fahren lassen, als sich die Nacht auch um ihn zu kümmern begann und die lichte Erinnerung dämpfte. Die Nächte. Die Nächte, in denen er seine Frau nicht mehr neben sich atmen hörte. Es war diese Stille, die ihn hierher trug, immer und immer wieder, seinen Geist voraus trug, bis er nicht mehr anders konnte, als ihm ganz zu folgen.
Jetzt stand er da, zwischen dem Plätschern des Brunnens und der Türe des Hauses, in dem er geboren und aufgewachsen war, und das er vor über siebzig Jahren verlassen hatte.
Er betrachtete es. Die Läden waren verriegelt. Stumm sprachen sie, dass es im Haus sehr lang sehr still gewesen sei.
Er griff in seine Manteltasche und fand den großen Schlüssel. Behutsam näherte er sich dem Haus, wie man sich einem sterbenden Menschen nähert. Sorgsam setzte er den rechten Fuß auf die unterste der Steinstufen, die ihm viel kleiner vorkam als in seiner Erinnerung.
Damals war er klein gewesen und die Treppe groß.
Er zog den linken Fuß nach, den Körper, die Tasche. Hob den rechten Fuß auf die zweite Stufe, zog den linken Fuß nach, atmete. Hob den rechten Fuß auf die dritte Stufe, zog den linken Fuß nach, atmete.
Er richtete den Schlüssel auf das große Schloss.
»Was machst du da?«
Er erschrak so sehr, dass er den Schlüssel fallen ließ.
Es war die Stimme eines Mädchens. Sein Herz pochte bis in den Kopf. Seine Füße waren für einen Moment lang unauffindbar. Er stützte sich mit der linken Hand an das Geländer und drehte langsam den Kopf. Das Mädchen war vielleicht acht Jahre alt. Mit braunen, langen Haaren und braunen, großen Augen. Einem Rock, der die Knie bedeckte und die Unterschenkel zeigte.
»Hast du nicht kalt?«, fragte er, und später fragte er sich, warum er ausgerechnet diese Frage gestellt hatte.
»Ein bisschen. Warum lässt du deinen Schlüssel fallen?« »Du hast mich erschreckt.«
Stille. Sie schauten sich an, er die Treppe hinab, sie die Treppe hinauf. Das Mädchen trat einen Schritt vor, ergriff den Schlüssel am Boden und reichte ihn dem Alten.
»Hier. Das tut mir leid. Entschuldigung.«
»Danke. Ist schon gut.« Und nach einer Weile, in der sie sich wieder hinab und hinauf anschauten: »Du hast mich ja nicht absichtlich erschreckt.«
»Nein. Wohnst du hier?«
Er lächelte und zögerte. »Ich glaube schon. Und du? Wohnst du hier im Dorf?«
»Ich glaube schon«, sagte das Mädchen. Sie sah ihn an. Sah ihn. Sie zeigte auf die Tasche, die der Alte neben sich abgestellt hatte.
»Was ist da drin?«
Der Mann lächelte: »Da ist alles drin, was mir bleibt. Ein Flügelhorn.«
»Kann es fliegen?«, die Augen groß.
Das Lächeln des Mannes verbreiterte sich: »Nein, aber es hat mir Flügel verliehen.«
»Kannst du fliegen?«, fragte das Mädchen mit aufrichtiger Offenheit.
Das Lächeln des Alten sank drei Atemzüge lang. Dann, leise: »Ich weiß es nicht. Ich hoffe es.«
»Ich hoffe es auch für dich«, sagte das Mädchen. Und schaute.
Das Lächeln stieg wieder.
»Es ist spät«, sagte der Alte. »Und dunkel. Ich sollte reingehen. Und du solltest wohl nach Hause gehen.«
»Ja«, sagte das Mädchen. »Gute Nacht«, sagte es, drehte sich um und rannte mit kleinen Schritten am Dorfbrunnen vorbei in die Dunkelheit.
»Gute Nacht«, sagte der Alte. Blickte dem verschwundenen Mädchen nach. Einen Atemzug lang. Zwei. Drei. Lächelte. Drehte sich wieder um und steckte den Schlüssel ins Schloss.
Er fand den Lichtschalter etwas tiefer als da, wo er zuerst getastet hatte. Das Licht schien durch die offene Türe auf den Dorfplatz hinaus. Als er eintrat, die Tasche in der Hand, glitt sein Schatten über den Brunnen.
Der Duft von zweihundert Jahre altem Holz umhüllte ihn und schickte ihn zurück in seine Kindheit. Wieder schien es Sommer zu sein, einer dieser heißen Sommer, in dem das Haus unter der Hitze einzugehen schien, während sich die Balken verschoben, drehten, sich wanden, ächzten und keine Kühle bewahren konnten. Kühle. Er schloss die Tür.
Die Stille eines Hauses, das keine Bewohner mehr hatte. Er war der erste, der ausgezogen war, seine zwei Brüder waren gefolgt, seine Schwester war geblieben und hatte dem Haus mit ihrem Mann wieder Kinder geschenkt, die es verstecken konnte bei ihren Spielen, hinter dem Ofen im Wohnzimmer, im Raum hinter dem Badezimmer hinter der Küche, in dem das Holz lagerte, im kleinen Estrich unter der Dachschräge. Doch auch sie waren, wie er, wie seine Kinder, ausgezogen. Und seine Schwester war mit ihrem Mann, wie seine Frau, weitergegangen.
Weitergegangen, dachte er. Der Tod ist abstrakt. Er ist nicht etwas, er ist das Fehlen von jemandem. Er ist eine Subtraktion. Doch weitergehen, das war ein Verb, das war eine Handlung. Das war konkret. Sie waren weitergegangen, ja. Und er war zurückgekehrt. Er war der Letzte.
Das Haus hieß ihn willkommen, indem es unter seinen vorsichtigen Schritten sanft knarrte wie eine Katze, die, zusammengerollt auf dem Schoss, im Zwischenreich von Wachsamkeit und Schlaf so verharrte, dass sie noch schnurren konnte. Es wachte nicht auf, das Haus, aber es knarrte.
Er blieb stehen. Links die Holztreppe nach oben. Daneben die Tür zur Küche. Rechts das kleine Tor zum großen Ofen, der hinter der Wand im Wohnzimmer stand. Die Tür dahin leicht offen. Türrahmen und Tür hatten sich schon vor seiner Kindheit auseinandergelebt und passten nicht mehr zusammen. Trotzdem blieben sie, im Gegensatz zu ihm, der auch nicht mehr in diese Welt gepasst hatte. Noch immer waren sie da und bildeten gemeinsam eine beachtliche Ritze, die nicht geschlossen werden konnte. Er betrachtete sie und dachte: Wie eine Ritze in der Realität, wenn Dinge nicht mehr zusammenpassen. Das sind die Augenblicke, an denen Unerklärliches geschieht.
Er schüttelte den Kopf und stellte seine Tasche ab, trat nach links (das Haus antwortete), öffnete die im Vergleich zum Rest des Hauses neue, perfekt in den Rahmen passende Tür zur Küche, fand den Lichtschalter. Der Raum vor ihm wie er ihn in Erinnerung hatte, nur etwas kleiner – vor allem der Holztisch auf der rechten Seite, der damals riesig gewesen war. Er trat ein. Berührte den Tisch, der zwar nicht so groß war wie in seiner Erinnerung, aber doch zu groß, um alleine daran zu essen. Er wandte sich um, stieg die Treppe hinauf, fand im Zimmer das Bett gerichtet, legte sich hin, weinte still und der Schlaf fand ihn, ein neuer Schlaf, ein Schlaf ohne Tränen. Er flog nicht diese Nacht, flog sich nicht voraus, sondern kam an, er legte sich ein zweites Mal ins Bett. Er sank in eine traumlose Nacht, zusammengerollt im Schoß des Hauses, und nun war es der Alte, der leise schnurrte.
Er traf das Mädchen immer wieder; dann saßen sie zusammen auf der Bank vor dem Haus.
»Warum spielst du nicht mehr? Ich meine, das mit den Flügeln«, fragte das Mädchen einmal, als sie neben ihm saß und die Beine baumeln ließ.
»Ich bin zu alt.«
»Möchtest du nicht mehr fliegen?«
»Ach weißt du, möchten tu ich schon, doch fliegen braucht Kraft, und die habe ich nicht mehr. Kraft in den Lippen, so –«, sagte er, presste die Lippen zusammen und blies surrende Luft hindurch. Sie lachte, machte es ihm nach und schnaubte wie ein Pferd. Dann sagte sie: »Vögel, die den Wind kennen, können gleiten.«
Der Alte schaute sie erstaunt an.
»Das stimmt«, sagte sie. »Und weil sie gleiten können, müssen sie nicht so fest mit den Flügeln schlagen. Dadurch sparen sie Kraft. Und trotzdem fliegen sie viel höher als diejenigen, die meinen, sie müssten dauernd mit den Flügeln schlagen, nur weil sie den Wind nicht kennen«, wobei sie das Viel mit der Hand nach oben und auseinander zog um zu illustrieren, was sie meinte. »Du hast recht. Vielleicht sollte ich es wieder versuchen.«
»Fliegen ist so schön.«
»Kannst du fliegen?«
»Ein bisschen«, antwortete sie. Und: »Erzähl mir, wie du geflogen bist.«
»Weißt du, ich war Musiker. Und wenn ich das Flügelhorn gespielt hatte, dann war das, als würde ich genauso gleiten wie die Vögel, von denen du erzählt hast. Die Musik war der Wind, und ich wurde von der Melodie hinweggetragen in andere Welten, die so nahe sind und doch so ungreifbar. Ungreifbar, weil man sie nicht ergreifen, sondern nur empfangen kann. Sie sind zwar nah, doch man kann sie nicht sehen, nicht hören, nicht spüren, bis man bereit ist sich tragen zu lassen, bis man bereit ist sie zu empfangen, bis man bereit ist zu staunen, verstehst du?«
»Ja. Und dann ist es ganz nah. Als würde es immer neben dir sitzen. Du musst sehr schön gespielt haben.« Der Alte lächelte. »Ja, ich glaube schon. Es war schön, die Menschen glücklich machen zu können.«
»Warum hast du aufgehört?«
»Nachdem meine Frau verstorben war, spielte ich weniger und weniger. Zu reisen hatte ich schon lange aufgehört. Jeden Abend Konzerte geben, das war mir schon geraume Zeit zu anstrengend. Nachdem sie weitergegangen war, hörte niemand mehr zu.«
»Warum hast du nicht für dich weiter gespielt?«
»Weil ich jemanden brauche, der zuhört. Ohne Zuhörer entsteht die Musik nicht, der Zauber fehlt, und es ist dieser Zauber, der den Zugang zu den anderen Welten öffnet.«
»Bist du darum von hier fort? Weil du die Menschen glücklich machen wolltest?«
Der Alte dachte nach. »Ich glaube schon. Aber ich hatte damit meine Eltern sehr unglücklich gemacht.«
»Sie sind sicher sehr stolz auf dich gewesen.«
»Ich bin schon sehr früh von zu Hause weg. Man hatte mich entdeckt und wollte mich fördern. Meine Eltern haben sich immer geweigert, mein Spiel zu hören, so enttäuscht waren sie von mir.«
»Das tut mir leid«, sagte das Mädchen und legte ihre Hand auf die seine. »Ich bin stolz auf dich.«
Der Alte lächelte. »Du hast mich doch gar nicht spielen gehört.«
»Aber das werde ich. Und darum bin ich jetzt schon stolz auf dich. Außerdem habe ich deine Stille gehört. Und die ist auch sehr schön.«
Die Sonne war weitergegangen. Dämmerung. Klare Weite.
Die Berge wie vom Himmel geschnitten.
»Es wird kalt.«
»Wirst du morgen für mich spielen?«
»Ich glaube schon.«
»Dann freue ich mich schon jetzt. Und die ganze Nacht hindurch.« Damit stand sie auf und hüpfte leichten Schrittes davon. Am Ende des Dorfplatzes drehte sie sich nochmals um und winkte.
Er winkte zurück.
Dann war sie verschwunden.
»Darf ich dich etwas fragen?«
»Ja«, sagte sie und schaute dem Alten in die Augen. »Früher, im Sommer, jeden Sommer, kam ein Mädchen von Jenseits des Tales, und verbrachte hier ihre Ferien.« »Ja«, sagte sie.
»Du weißt das, nicht wahr?«
»Ja.« Sie schaute ihn an.
»Warum bist du immer noch hier?«
»Wenn ich aus der Stadt kam und meine Ferien hier verbrachte, freute ich mich jedes Mal. Meine Eltern glaubten, ich würde mich freuen, auf das Land zu gehen. Ich würde mich an den Blumen und Weiden erfreuen. An den Bergen, wie sie im Sonnenuntergang glänzten, und am Sternenhimmel, der sich hier ungestört ausbreiten konnte. Und das war alles tatsächlich sehr schön und ich erfreute mich daran. Doch worauf ich mich am meisten freute, das warst du. Ich freute mich darauf, dich am Brunnen mit den Kühen zu sehen. Ich freute mich darauf, dich hier auf der Bank zu sehen, wie du eine Flöte schnitzt und darauf spielst. Ich freute mich darauf, von dir gesehen zu werden und dir die Stimme zu verschlagen. Nicht weil ich eitel gewesen wäre, sondern weil ich deine Stille genau so liebte wie deine Musik. Auch sie hatte eine Farbe, du kleidetest die Stille in die Farbe deines Sommers. Ich freute mich auf dich.«
Sie lachte hell, eine Pause. Dann: »Doch als ich eines Sommers wieder kam, warst du nicht mehr da. Diese Stille war mit dir verschwunden, und die verschiedenen Farben, die nur du dem Sommer zu geben vermochtest, waren mit dir gegangen. Du hast ein Loch zurückgelassen, eine Ritze mehr, und da bin ich hindurchgeschlüpft um auf dich zu warten.«
»All die Jahre hast du gewartet?«
Sie winkte ab. »Weißt du, Zeit ist hier anders.«
»Und nun bin ich hier«, lächelte der Alte.
»Und nun sind wir hier«, lächelte das Mädchen. »Und du hast mich empfangen.«
Er strahlte.
»Und du spielst mir deine Musik auf dem Flügelhorn«, sagte das Mädchen aufgeregt und strahlte zurück.
Der Alte nickte. »Das werde ich tun. Und du hörst mir zu.«
»Darf ich mit dir fliegen, wenn du auf den Melodien gleitest?«
»Natürlich darfst du das.«
»Darf ich mit dir in die anderen Welten segeln, die Stille als Wind, der uns trägt, zu diesen Welten, die wir nicht ergreifen, aber empfangen dürfen?«
Der Alte lächelte. »Ich bitte dich darum. Es wird mir eine Ehre sein.«
Sie lächelte und rückte noch etwas näher an den Alten heran, so dass ihre baumelnden Beine die seinen berührte.
Er nahm das Flügelhorn aus der Tasche. Streichelte sanft seinen matten Glanz. Betrachtete einen Moment, wie sich die Welt darin spiegelte. Wie oft war er mit ihm um die Welt gereist. Er setzte das Mundstück auf, lächelte dem Mädchen noch einmal zu, setzte es an die Lippen und begann, tief und leise zuerst, zu spielen, eine Melodie, die direkt aus seinem Herzen kam, und das Mädchen lauschte, lächelte, die Melodie glitt höher, stieg empor, das Mädchen lachte, ihr junges Lachen und die Melodie des Alten vereinten sich zu einer einzigen Melodie, sie flogen dahin.
Es war ein schönes Paar, das gemeinsam, mit der letzten Lichtfahne immer höher und höher steigend, sanft und allmählich der Welt
entklang.