Notiz 1 | Die Würde des Buchs

Die Würde des Buchs
Lucas Martainn

In der ersten Folge von Season 2 geht es um die Würde des Buchs – und das Geschenk, das uns ein Buch machen kann: die Würde der ungeteilten Aufmerksamkeit.

Darf ein Buch fordern? Darf es etwas zumuten? Und was geschieht, wenn Lesen mehr ist als bloßes Verstehen?

In Season 2 von Lucas Martainn liest folge ich den Spuren des Feldbuchs Imaginal – Wenn die Welt antwortet. Es geht um Wahrnehmung und Begegnung, Worte und Orte, Schreiben und Pilgern – und immer wieder um die Frage, was geschieht, wenn wir die Welt nicht nur betrachten, sondern ihr begegnen.


»Einerseits ist das Buch zum Fetisch und zum reinen Sammelstück geworden. Andererseits hat es einen neuen Wert erhalten. Es hat keinen Stecker und keine Internetverbindung (ich spreche hier nicht vom E-Book). Es fordert meine ungeteilte Aufmerksamkeit und gibt mir dadurch die Würde der ungeteilten Aufmerksamkeit zurück.
Daher schreckt mich auch ein dickes Buch nicht ab.
Es verspricht viel Würde.

Im Lesen verweilen.
Nicht erklärt werden, nicht gedrängt werden, nicht therapiert werden. Der Text hält Bilder, Orte, Stimmen und Stille so zusammen, dass das Wirkliche im Lesen nachreifen kann; sorgfältig genug gestaltet, dass Wirkung nicht erzwungen werden muss.

Darf ein Buch eine Herausforderung sein? Nun, wenn das Lesemotiv Leichtlesen ist, natürlich nicht. Aber sonst: Natürlich! Wenn man die Frage der Herausformuliert umformuliert, klingt sie ungefähr so:  Kann man den Leserinnen und Lesern etwas zumuten? Ihnen etwas zutrauen? Sie für intelligent halten? Sie nicht für dumm verkaufen?

Vielleicht muss man lesend, wie in einem Dialog, noch einmal nachfragen: eine Passage zweimal lesen. Zurückblättern. Zusammenhänge herstellen. Oder auch mal etwas stehen lassen. Es wird sich schon aufklären, oder auch nicht, die Geschichte geht weiter.

Passage, ein spannendes Wort. Es bezeichnet nicht nur einen Ausschnitt aus einem längeren Text, sondern auch einen Übergang. Ein Hindurchgehen. Transportiert werden. Wenn ich durch eine Geschichte, ein Gedicht oder eine Notiz gegangen bin, dann bin ich ein anderer Mensch als vorher. Die Frage an mich als Leser ist also auch: Wohin will ich mit einem Buch transportiert werden? Und wie viel bin ich bereit, hierfür zu investieren?

Vielleicht ist es für mich als Leser eher Kompass als Boot? Ich muss und darf den Weg selber gehen, Schritt für Schritt, Satz für Satz. Oder: Kompass auf Boot. Denn der Text orientiert und … trägt.

Ich glaube, ich lasse die Metaphern lieber sein.

Ich betrete einen Buchladen und werde von Tausenden Büchern begrüßt, die ich nie lesen werde. Manchmal verlasse ich ihn, ohne ein einziges gekauft zu haben. Einige von ihnen winken mir noch nach.

Die meisten nicht.«


Lucas Martainn
Imaginal – Wenn die Welt antwortet

OULIA Edition

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Trailer zu Imaginal – Wenn die Welt antwortet