Notiz 6 | Kann Zeit verloren gehen?

Kann Zeit verloren gehen?
Lucas Martainn

In der sechsten Folge von Season 2 geht es um Zeit, Schreiben und Vertrauen. Um Erfahrungen, die lange in uns weiterleben, bevor sie ihren Weg in einen Text finden.

Manche Geschichten lassen sich nicht früher schreiben. Vielleicht müssen wir erst zu dem Menschen werden, der sie schreiben kann. Und vielleicht weiß ein Text manchmal selbst besser als wir, wann seine Zeit gekommen ist.

In Season 2 von Lucas Martainn liest folge ich den Spuren meines Feldbuchs Imaginal – Wenn die Welt antwortet.

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»Schreibe ich, damit ich am Ende des Prozesses ein Buch in den Händen halte? Nein, ich schreibe, weil ich überall zu Hause bin, wo ich schreibe.

Was mir die Schriftstellerei deutlich macht, ist, dass es keine verlorene Zeit gibt. Alles sind Erfahrungen, die jederzeit wieder ins Schreiben einfließen können. Vielleicht werden gewisse Momente erst durch die Zeit – oder besser durch den zeitlichen Abstand – zu Momenten, die einfließen können, weil sie sozusagen Zeitzeugen geworden sind. Aber als schreibender Mensch weiß ich nie, welcher Eindruck, welche Erfahrung, welche Begegnung plötzlich, nach kurzer oder sehr langer Zeit und auf unerwartete Weise Eingang findet in meinen Schreibfluss. Ich öffne mich dem Leben, wenn ich schreibe, und ich öffne mich dem Leben, wenn ich nicht schreibe.

Ich habe etwa zwei Jahrzehnte lang die Trilogie nicht schreiben können, obwohl ich sie mit mir herumgetragen habe. Ich musste zuerst der Mensch werden, der diese Geschichte schreiben konnte. Ich bin froh habe ich sie geschrieben, als ich sie geschrieben habe – nicht früher, nicht später.

Ich übe literarisches Vertrauen: Der Text zeigt mir, wie ich ihn schreiben soll und ihn lesen kann. Manchmal spricht er so leise, dass ich Tage oder Wochen brauche, um ihn zu hören.

Zum Glück hat er viel Geduld mit mir.«


Lucas Martainn
Imaginal – Wenn die Welt antwortet

Mehr Infos zum Buch finden Sie hier.

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