Notiz 5 | Weltflucht oder Weltvertiefung?
In der fünften Folge von Season 2 geht es um Schreiben als Weltvertiefung: nicht als Abwendung vom Wirklichen, sondern als Rückbindung an etwas, das im Alltag leicht überhört wird.
Und um das Bild einer bemalten Glasscheibe, durch die das Licht einer Geschichte fällt – beim Schreiben ebenso wie beim Lesen.
In Season 2 von Lucas Martainn liest folge ich den Spuren meines Feldbuchs Imaginal – Wenn die Welt antwortet.
»Stille. Man könnte meinen, mein Schreiben sei eine Form der Weltflucht. Es ist jedoch eine Weltvertiefung. Wenn ich im Alltag mit Oberfläche, Schein, Reaktion, Schablone und Etikette konfrontiert bin, ist diese Vertiefung ein Zurückbinden an die tatsächliche Welt. Ob sich darin eine spirituelle, geistige, subtile oder imaginale Dimension öffnet und wie diese ihrem Wesen nach zu verstehen wäre, muss ich hier nicht entscheiden. Entscheidend ist für mich, dass Schreiben keine Abwendung von der konkreten Welt bedeutet. Es ist einfach die Welt; die Realität, die vollere Realität als die, die im Alltag antworten kann, an die ich mich rückbinde und die mir Ressource ist. Schreiben lässt Wirklichkeit dichter und offener, weiter und subtiler erfahrbar werden.
Der westliche Alltag findet nur in einer sehr engen Bandbreite der Realität statt. Es ist der Kontakt mit dem größeren Spektrum, das mich nährt. Schreiben bedeutet Ruhe, Stille, Versenkung, Einkehr, Lauschen, Raum haben und geben, Freiraum. Diese sind keine optionale Zugabe, wenn ich ganz existenzielle Aspekte von mir nicht verdursten lassen will. Und so ist Schreiben für mich vor allem eines: eine unverzichtbare Ressource. Und ich ahne dabei, dass ich damit etwas Wichtiges lebendig halte. Nicht nur in mir.
Vielleicht bin ich ja auf meine Weise ein Flüsterer?
Alles, was ich je erlebt, gedacht und gefühlt habe, wird auf eine riesige Glasscheibe gemalt. Und zwar nicht einfach schön nebeneinander, sondern in Schichten, die gewisse Dinge unkenntlich machen, in Formen, Farben, Stimmungen auflösen; anderes wird dadurch verformt, verändert, verstärkt.
Schreiben bedeutet für mich, den Raum mit diesem riesigen Fenster zu betreten. Ich werde Zeuge, wie ein Licht durch diese Glasscheibe strahlt. Die Farben, Formen, Figuren und Szenen werden auf die gegenüberliegende Wand projiziert. Die Projektionswand ist mein Papier, auf das ich schreibe. Ich schreibe, indem ich diese projizierten Formen nachzeichne und die Farben nachmale.
Was ist das Licht, das durch diese Scheibe strahlt? Es ist das Licht der Geschichte, die da entsteht. Die Grundfrage, das Bild.
Ein ähnlicher Prozess findet in den Lesenden statt. Wenn sie lesen, begeben sie sich in ihr eigenes Lebenszimmer, und dort befindet sich ihr bemaltes Glas. Licht scheint durch das Glas, jedoch ist dieses Licht jetzt die Geschichte, die sie lesen. Es projiziert ihr Leben an die Wand, und das ist die Geschichte, die sie erleben.
Eine gute Geschichte hat eine angemessene Strahlkraft.«
Lucas Martainn
Imaginal – Wenn die Welt antwortet
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